Freitag, 26. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche ans... Berufsanfänger sein!

...oder: Was ich in den ersten fünf Monaten gelernt habe

Jedem von uns steht oder stand es einmal bevor: Der Start in den Job. Das Dumme daran: Niemand weiß so richtig, worauf er achten muss und glaubt, schon klar zu kommen. Dass es nicht so leicht ist, habe ich vor fünf Monaten gemerkt. Damals fing ich meinen Job im Allgäu an. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe und euch mit an die Hand geben kann, lest ihr hier:

Rainer Sturm  / pixelio.de

1. Bereitet euch vor!
Das mag jetzt erst einmal komisch klingen, denn: Wie soll man sich auf die neue Stelle, die erste Stelle vorbereiten? Aber es geht - und es ist wichtig. Ich hatte damals so viel mit Umzugsstress, Weihnachten und Silvester um die Ohren, dass ich wirklich ins kalte Wasser fiel und gar nicht mit den vielen Eindrücken umzugehen wusste. Besser ist: Sich mal mit den eigenen Erwartungen, Hoffnungen, Ängsten auseinander zu setzen. Was will ich von dem Job? Was sollte nicht passieren? Wie möchte ich auftreten? Dann wisst ihr schon mal, wie ihr selbst damit umgehen möchtet. Es hilft zum Beispiel auch, eine Woche vorher mal hinzufahren und sich den Kollegen vorzustellen, falls ihr das noch nicht beim Vorstellungsgespräch gemacht habt. Denn so bekommt ihr schon mal einen Eindruck, was euch erwartet und die Kollegen kennen euch auch schon. Fragt dabei übrigens unbedingt nach einem Dresscode - sonst wird's peinlich. Und zu wissen, wo ihr parken könnt, hilft auch und nimmt euch den Stress am ersten Tag.

2. Seid ihr selbst - in einer Lightversion!
Das mag jetzt hart klingen, aber eure Kollegen kennen euch nicht - und umgekehrt. Nett sein ist schon mal hilfreich, aber Zurückhaltung schadet auch nicht. Beschnuppert euch erstmal, bevor ihr wirklich Kontakte knüpft. Man muss ja erst einmal feststellen, ob Sympathie vorhanden ist. Ich bin damals völlig unbedacht in die Vollen gegangen, war offen und ehrlich - und damit ein bisschen auf die Schnute gefallen. Deshalb testet an den neuen Menschen um euch herum zuerst die Betaversion, um zu testen: Was kommt gut an, was lass ich lieber. Heißt nicht (!), dass ihr euch verstellen sollt. Aber eben zurückhalten, bis ihr merkt, dass ihr im Team ankommt. Dann könnt ihr langsam immer noch die Alphaversion rauslassen.

3. Habt Geduld!
Das Problem mit jeder neuen Stelle, nicht nur der ersten, ist, dass ihr die Neuen seid. Eure Kollegen kennen euch nicht und umgekehrt. Nur weil sie eben schon eingespielt sind, habt ihr das Nachsehen. Auch wenn ihr wisst, dass ihr gut seid in eurem Job und was ihr nicht alles vorab schon gemacht und gelernt habt - euer Team weiß das nicht. Für die seid ihr ein unbeschriebenes Blatt. Und das kränkt das Ego, schließlich bekommen wir dadurch anfangs nur kleine Aufgaben und müssen uns erst beweisen. Was nicht Wochen, sondern Monate dauert! Macht euch in dieser Situation keinen Druck, sondern habt Geduld. Früher oder später seid ihr ein Teil des Teams und eure Arbeit wird Wertschätzung bekommen. Aber das dauert eben.

4. Vernetzt euch!
Nichts ist wichtiger, als Kontakte zu knüpfen. Auch wenn es euch anfangs so vorkommt, dass ihr eine feste Clique vor euch habt, in die ihr nie reinkommt (ähnlich wie in der Schule), hat jeder seine Macken und seine Art zu arbeiten. Manche sind Teamplayer, andere Einzelgänger. Der eine kommt mit dem anderen nicht klar, es gibt im einen Büro wirklich eine Clique, im anderen nicht. Das ist völlig unterschiedlich! Deshalb sprecht mit den Leuten - auch abteilungsübergreifend. So kommt ihr schnell unter Menschen und findet euren Platz. Ich gehe zum Beispiel gerne mit den Sekretärinnen unserer Redaktion oder einer Mediengestalterin in die Mittagspause. So redet man nicht nur über die Arbeit (jeder hat schließlich andere) und der Kopf wird frei.

5. Fragen, nicht verzagen!
Ihr seid Berufsanfänger, also wisst ihr vieles nicht - auch wenn ihr das glaubt (siehe Punkt 3). Deshalb ist es eigentlich völlig korrekt, dass ihr viele Fragen stellt. Lieber einmal zu viel als einen miesen Patzer begehen. Klar, den Nachbarort, den Geschäftsführer oder ähnlichen Kleinkram kann man googeln, aber wichtige Dinge, die euren Arbeitsalltag ausmachen, müsst ihr erfragen. Das steht euch zu und gute Arbeitnehmer freuen sich darüber, wenn ihr euch einbringt, wissbegierig seid und Fragen stellt. Deshalb: Traut euch!

6. Richtet euch ein!
Niemand, wirklich niemand wird dafür sorgen, dass ihr euch wohlfühlt - das könnt nur ihr selbst. Nutzt also die Chance und richtet euren Schreibtisch so ein, wie ihr wollt. Er ist schließlich von euch besetzt und das vermutlich lange (außer natürlich ihr seid Springer oder so). Hängt Postkarten auf, Post-Its oder stellt Fotos hin. Bringt Blumen mit, Porzellanschwäne, was auch immer. Tut auf jeden Fall alles, damit euch euer Arbeitsplatz gefällt, denn dort werdet ihr einen Großteil eurer Zeit verbringen.

7. Nutzt die Pause!
Das mag jetzt seltsam klingen, aber Pausen sind verdammt wertvoll. Viele verbringen sie im Büro, auch ich manchmal. Ich esse dann was, lese ein Buch oder daddel am Handy rum. Aber wirklich erholsam und somit aktivierend ist das nicht. Besser: Geht raus! Spaziert um den Block, holt euch was für unterwegs, quatscht mit Arbeitskollegen. Alles besser als wieder vorm Bildschirm zu sitzen. Denn eine Mittagspause (genau wie ein Wochenende) ist wahnsinnig wertvoll - beides ist kurz. Nutzt es sinnvoll, damit ihr einen freien Kopf bekommt und dadurch gute Arbeit leistet.

8. Feierabend? Abschalten!
Wer arbeitet, verbringt acht Stunden, mit Mittagspause sogar neun Stunden hinterm Schreibtisch. Die wenigen Stunden, die für die Freizeit bleiben - die sich unter der Woche wirklich auf ein Minimum reduziert, gerade für Pendler - solltet ihr ganz für euch nutzen. Das heißt: Füße hoch erlaubt! Aber Vorsicht, denn...

9. Stay social!
...wer wirklich jeden Tag Netflix & Chill betreibt, vernachlässigt irgendwann sein Sozialnetz. Das merke ich auch schon: Manchmal finde ich es einfach anstrengend, mit meinen Freunden zu telefonieren, obwohl es wieder an der Zeit dafür ist. Aber einige Arbeitstage haben es nun mal in sich. Geht trotzdem mindestens einmal in der Woche raus, macht Sport, ruft eben eure Freunde an, trefft euch mit ihnen. Bleibt einfach in Kontakt und erlebt noch etwas! Klingt anstrengend, ist aber hilfreich und gesund.

10. Party Hard? Wohl kaum...
Früher im Studium war feiern gehen nichts außergewöhnliches. Sogar in der Woche hatte ich dafür Energie, denn mein Lebensrhythmus war ein anderer. Ich habe zwar auch gearbeitet und war mit Vorlesungen und Prüfungen betraut, aber das Unregelmäßige daran gibt Energie. Wer jeden Tag acht Stunden vorm PC sitzt oder sich über diese Zeit konzentrieren muss, verliert wahnsinnig viel Energie. Die Pläne, am Wochenende richtig steil zu gehen, klingen auf einmal anstrengend. Vor allem werden die Launen so unberechenbar: Während ich mich Mittwoch noch total aufs Feiern freue, will ich wenige Stunden vorher nur noch meine Ruhe haben. Oder umgekehrt: Ich trinke Freitag ein Glas Wein, quatsche mit Freunden und könnte sofort weiter ziehen. Plant diese Launigkeit für die nächste Party mit ein und verzeiht euch - und euren Freunden - wenn spontan doch die Energie fehlt.

11. Gewöhnt euch einen Biorhythmus an!
So, der letzte Punkt wird spießig klingen, ist aber enorm wichtig: Gewöhnt euch einen Biorhythmus an. Das bedeutet: Immer zur selben Zeit ins Bett, immer zur selben Zeit raus. Ja, richtig, auch am Wochenende. Denn das schenkt euch richtig viel Energie. Geht ihr am Wochenende erst nachts um vier ins Bett (Respekt, wer das als Arbeitnehmer durchhält) und steht am nächsten Tag um zwölf Uhr mittags auf, habt ihr Montag ein Problem. Denn Sonntagabend werdet ihr nicht schlafen können und in der neuen Woche nicht aus dem Bett kommen. Dann lieber am Wochenende auch früher raus (es muss ja nicht sieben Uhr sein wie sonst - acht oder neun Uhr ist schon besser als zwölf, versprochen!).

Dienstag, 23. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das ESC-Debakel!

...oder: Das Experiment.

Am Wochenende hat uns meine Mutter besucht und weil wir früher oft zusammen den Eurovision Song Contest geschaut haben, stand Samstagabend genau das auf dem Programm. Damit das ganze nicht allzu langweilig wird, haben wir jedem Auftritt Punkte gegeben - und daraus hat sich ein ganz nettes Experiment entwickelt. Lest nach:

Der Aufbau:
Man nehme 26 Probanden verschiedener Länder, drei Prüfer unterschiedlicher Altersstufen (23, 32, 56) und fünf Stunden Zeit. Die Prüfer bekommen einen Stift und einen Zettel.

Der Ablauf: Die Prüfer sollen jeden Probanden mit einer Punktzahl von 1 (schlecht) bis 10 (gut) bewerten. Ziel ist, einen Gemeinschaftsfavoriten herauszufinden sowie einen Favoriten für jeden einzelnen Prüfer. Anschließend werden die Favoriten ausgewertet und mit den Gesamtergebnissen des ESC ausgewertet.

Das Ergebnis: 
Die Teilnehmer: Insgesamt überaus langweilig. Kaum einer ist aus der Masse hervorgestochen. Es gab einheitliche Powerballaden, Popsongs und Bühnenshow. Aufgefallen sind uns lediglich sechs der 26 Kandidaten: Einmal waren da die Niederlande mit ihrem dreistimmigen Familiensong, Moldawien mit ihrem Sax-Lied, Italien mit dem Affentanz, Portugal mit ihrer Jazzballade, Rumänien mit ihrer Jodelei und die Ukraine mit ihrer (an diesem Abend ungewöhnlichen) Rocknummer. Der Rest? Irrelevant. Was aber immer wieder auffiel: Viele Songs ähnelten anderen bekannten Liedern. Eins (Künstler schon vergessen) klang stark nach "Humans" von Rag'n'Bones, das Gewinnerlied erinnerte an "Moon River" von Andy Williams aus den 1970er Jahren.

Unsere Favoriten: Die meisten Punkte (20) holte sich von uns Moldawien, weil ihr Song einfach ins Ohr ging und wirklich charttauglich war. Zu den Einzelfavoriten: Meiner Mutter gefielen mit acht Punkten die Niederlande am besten, weil der Song schön emotional war. Meinem Freund gefiel mit sieben Punkten Italien und die Ukraine, jeweils aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit und mir gefiel mit neun Punkten Moldawien am besten.

Der Gewinner: Für uns eine absolute Überraschung, weil er so gar nicht ins Schema passte. Er wirkte bekifft, fühlte sich offensichtlich unwohl auf dem Contest. Das Lied war sehr leise, fast unscheinbar und erinnerte an "Moon River", wie gesagt. Was natürlich ein Grund für den Sieg sein könnte - unterbewusste Beeinflussung... Wer weiß?

Levina: Völlig unscheinbar. Sowohl der Auftritt, das Kleid, der Song. Ein bisschen wie Helene Fischer auf Englisch. Auf jeden Fall nichts, was im Ohr bleibt (oder im Ohr bleiben soll).

Die Analyse: 
Der Gewinner: Wer weiß schon, warum das Publikum und die Jury Salvador Sobral gewählt hat. Vielleicht aus Protest: "Hey, ihr da, macht mal anständige Musik und nicht immer nur dasselbe, sonst wählen wir jedes Jahr so einen Jazz-Typ!" Vielleicht war es tatsächlich das Besondere, das die Zuschauer wollten. Und besonders war Sobral mit seinem Lied auf jeden Fall! Vielleicht wollten sie den authentischsten Teilnehmer zum Sieger küren und auch das war Sobral definitiv. Möglicherweise, und an die Theorie glaube ich ja ganz sicher, wählt das Publikum auch einfach immer den absurdesten Kandidaten. Der, den niemand wirklich erwartet. Wer weiß das schon. Richtig verstehen kann ich es auf jeden Fall nicht. Das mag aber auch damit zusammen hängen, dass beim ESC mit anderen Maßstäben gemessen wird. Mir kommt es immer so vor, als sei dieser Contest ein Paralleluniversum zu den weltweiten Charts. Als würden die Songs gerade mal so hingeklatscht, dass sie zum ESC passen, aber in den jeweiligen Ländercharts keine Chance haben. Beispiel gefällig? Das belgische Lied (Blanche: City Lights) war okay, aber nicht herausragend. Da fehlte etwas. Und so ging es mir bei vielen Songs. Gerade weil eben zahlreiche Lieder klingen, als hätte es sie schon einmal gegeben, fehlt mir da die Qualität. Mein Eindruck kann aber daher kommen, dass Levina vorher völlig unbekannt war. Wer weiß, wie das bei den anderen Künstlern in deren jeweiligen Ländern ist?

Levina: Wenn meine Theorie an dieser Auswahl stimmt, gehören die Verantwortlichen definitiv ersetzt, nur so viel vorweg. Ich glaube nämlich, das deutsche ESC-Team geht nach dem Motto: "Never change a working system". Heißt: Lena ist als Frau alleine auf der Bühne aufgetreten und hat gewonnen. Wieso sollte es diesmal anders sein? Klingt absurd, aber ich habe Argumente. Wen schickte Deutschland denn im Jahr eins nach Lena zum ESC? Richtig: Lena. Gab Platz elf, nicht erfolgreich genug. Also musste wieder (!) eine Castingshow her, bei der wir einen unbekannten Sänger suchen, der uns weltweit (!) vertritt. Roman Lob. Platz acht. Wieder nicht erfolgreich genug. Also: Nahmen wir wieder eine Frau, nur diesmal machte sie elektronische Musik. Cascada machte einen krassen Fall nach unten im Vergleich zu den vorherigen Teilnehmern - Platz 21. Also Abwechslung: Elaiza, eine Frauengruppe mit Folkmukke. Meiner Meinung nach die beste Idee, die sie je hatten, denn dieses Spezielle sucht der ESC ja. Das Ergebnis: Immerhin Platz 18. Weil das aber wieder nur semierfolgreich war, musste wieder das Ursprungskonzept her: Frau, alleine. Also 2015 Ann-Sophie. Zum ersten Mal null Punkte. Die Schlussfolgerung? Nochmal eine Frau, diesmal flippiger, Song aber ähnlich lahm. Jamie-Lee, das Mangamädchen. Wieder letzter Platz. Also? Nochmal eine Frau. Diesmal wieder lenaiger. Natürlich, lieb, nett, begabt. Aber: Platz 25, umgekehrt Platz zwei von hinten. Wie lange braucht das deutsche Team noch, um zu verstehen, dass unser System keine workendes ist?

Fazit:
Der ESC ist veraltet. Zwar wird die Musik immerhin moderner, aber das System hinkt hinten wie vorne. Die Quote sinkt von Jahr zu Jahr (auch wenn sie weltweit noch enorm hoch ist). Das könnte daran liegen, dass Deutschland jährlich einfach so teilnimmt. Ohne Vorentscheid. Wieso alsdo nicht die Regel wieder ändern?  Wieso zahlt nicht jedes Land einfach einen kleinen Bruchteil (ja, das wäre möglich) und jedes Land kann rausfliegen? Das erhöht den Druck und macht das ganze ernst zu nehmender. Und würde somit auch wieder für mehr Interesse sorgen. Woran es bei der Glaubwürdigkeit aber auch hapert: Es heißt Eurovision, also europäisch. Was hat Australien dort verloren? Bzw. wenn schon Australien teilnehmen darf, wieso nicht auch andere Länder weltweit und wir nennen es zukünftig World Vision Songcontest?
Konkret zu Deutschland: Wenn wir schon teilnehmen, dann bitte richtig. Das System sollten doch jetzt alle verstanden haben: Authentizität kommt gut an und  etwas Außergewöhnliches kommt gut an. Warum nicht mal wieder jemanden schicken wie Guildo Horn. La Brass Banda wäre cool, die bieten beides. Oder wirklich mal Helene Fischer. Wenn's gut läuft, begeistert sie ganz Europa, wenn es schlecht läuft, sind wir sie als erfolgreiche Musikerin los (fänd ich ja auch nicht schlecht). Möglichkeiten gäbe es genug. Aber bitte in Zukunft jemand, hinter dem das Land steht - nicht irgendjemand namens Ann-Sophie oder Levina.

Zum Abschluss noch einmal unser Favorit, Platz 3: Das Sunstroke Projekt mit "Hey Mamma". Damit ihr seht: Es gibt Hoffnung...

https://www.youtube.com/watch?v=mvaLAs9cex4

Donnerstag, 4. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... die sprechende Mimik!

...oder warum es echt übel sein kann, wenn einem Gedanken im Gesicht stehen!

Liebe Leser und Leserinnen, ich hab es in den letzten Wochen zeitlich einfach nicht geschafft, hier aktiv zu sein - sorry dafür. Seit ich redaktionell arbeite und täglich schreibe, möchte ich abends oft was anderes machen. Aber ich gelobe Besserung - die Themenpalette liegt schon bereit! 

Bürgerversammlung, 22 Uhr, ich als Presse dort: Die Leute kommen gerade zu Wort und weil ich das Prozedere schon kenne, weiß ich, es ist gleich vorbei, wenn keiner mehr eine Frage hat. In meinem Hinterkopf: Die Heimreise, denn die kostet mich immer rund 45 Minuten. Ich bin also länger unterwegs, so spät. Macht mir erstmal nichts aus, aber wenn die Müdigkeit irgendwann kommt, ist jede Minute im Auto richtig übel. Der letzte Bürger meldet sich also, die Frage wird schnell geklärt, da geht der Bürgermeister wieder zu seinem Laptop und beginnt die nächste Powerpoint-Präsi. Es ist also nicht vorbei. Teil 3 beginnt. Und ich denke ehrlicherweise: Oh. Mein. Gott. Bitte. Nicht. Und lächle freundlich in die Runde. Das soll ja keiner merken. Da stößt mich eine Frau von links an, grinst verschwörerisch und sagt: "Ich weiß, ich weiß, das macht er jedes Mal so." Augenblicklich laufe ich puterrot an. Sie hat es gesehen, in meinem Gesicht. Und damit ist klar: Jeder andere hätte es auch sehen können. Shit. Richtig peinlich.

Wo andere Frauen ein Resting Bitch Face haben, also ein Gesicht, das immer griesgrämig aussieht, habe ich ein Talking Face. Man sieht mir meine Gedanken an. Dummerweise ist mir das erst vor kurzem bewusst geworden. Und das führt zu dem ein oder anderen Problem. Denn wenn ich etwas nicht möchte, unzufrieden oder schlecht gelaunt bin, sieht man das. Wie ein kleines Warnschild auf der Stirn: "Attention, ihre Laune ist xy." Das kann katastrophal sein, denn gerade bei wichtigen Terminen ist das ungünstig - siehe oben.


Thommy Weiss  / pixelio.de
Das funktioniert aber auch mit guter Laune. Und beides kann auch ein Vorteil sein. Ich bin dadurch nämlich gut einschätzbar. Bin ich grummelig, merkt mein Umfeld das und kann mir aus dem Weg gehen. Auch wenn ich Menschen kennen lerne oder Leute nicht besonders mag, ist das erkennbar. Was natürlich auch zu ungünstigen Situationen führt. Stellt euch zum Beispiel vor, ihr trefft in der Stadt jemanden, den ihr nur ungerne ertragt, wenn ihr müsst, und dann hält er euch an und macht Smalltalk. Während die meisten anderen das problemlos mindestens fünf Minuten können, sagt meine Mimik schnell: Lass mich gehen! Bitte! Sympathien - oder eben das Gegenteil - muss ich also nicht erst aussprechen, das klärt sich schnell von selbst. Dank meinem Talking Face. Manchmal unangenehm, aber deutlich.

Das Blöde ist, dass ich daran auch nur schlecht arbeiten kann. Ein Pokerface ist einfach sau schwer. Aber hey, sowas macht ja den Charakter aus, hab ich gehört. Und es ist nicht nur negativ. Außerdem bin ich bestimmt nicht die einzige mit ihrem TF.
;-)