Sonntag, 26. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das Heimatgast sein!

Vergangenes Wochenende habe ich es mal wieder geschafft, nach Mainz zu fahren. Mit Freunden quatschen, weggehen, wieder ein Teil von dem sein, was mir so vertraut war. Und anfangs funktionierte das auch gut. Ich freute mich im Zug riesig darauf, in Mainz anzukommen, wusste auch noch genau, welche Straßenbahn und welchen Bus ich nehmen muss, um dorthin zu kommen, wo ich hin will. Selbst im Rewe am Bahnhof, dem ekligsten Geschäft in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, wurde ich richtig sentimental, weil ich dort aus pragmatischen Gründen einkaufen war. 

Doch auf dem Weg zu einer Freundin in der Straßenbahn mischte sich plötzlich ein anderes Gefühl mit rein: Ich fühlte mich auf einmal etwas fremd. Spätestens als ich an unserer alten Wohnung vorbei fuhr, spürte ich das ganz stark. Mainz war nicht mehr mein Zuhause. Und das traf mich, schließlich habe ich fast drei Jahre dort gewohnt. 

Dabei lag es gar nicht daran, dass sich etwas verändert hätte. Mainz war und ist genauso wie vorher (außer der Großbaustelle in der Bahnhofstraße, aber sowas ist dort nichts Neues). Ich kenne mich noch aus, viele meiner Freunde leben noch dort und ich bekomme auch noch viel mit. Aber es ist eben etwas anderes, ob ich an der Entwicklung in Mainz teilhabe oder ob ich alles aus der Ferne beobachte. Denn letzten Endes war ich am Wochenende dort Gast. Nicht mehr und nicht weniger. Auch wenn mir dort noch vieles vertraut ist. 

Die schöne Mainzer Innenstadt, Neubrunnenstraße.
Foto: Mareike Keiper
Das komische daran ist ja nicht nur, dass mir mein letzter Wohnort immer fremder wird, mein neuer ist mir auch noch nicht vertraut. Wahrscheinlich stört mich das am meisten. Dass ich hier wieder die Gegend erkunden muss, mich an jeder Ecke von Neuem wundere und erst wieder vieles entdecke, ich aber noch nicht angekommen bin. Dieser Zwischenzustand, an keinem Ort richtig Zuhause zu sein, ist ungemütlich. 

Komischerweise habe ich dieses Gefühl bei meiner Heimatstadt nicht. Egal, wie lange ich dort nicht bin, ist es mir jedes mal wieder unheimlich vertraut. Klar, in einer Kleinstadt ändert sich ohnehin weniger. Aber grundsätzlich ist dort immer mein Hafen, mein Zuhause, meine Familie. Auch wenn sich dort etwas verändert, beobachte ich das viel mehr mit Neugierde als mit Schrecken. 

Ich bin mal gespannt, wie das weiter geht. Spätestens, wenn mein Studententicket verfällt und ich mir in Mainz Bus- und Bahntickets kaufen muss, wird mir die Stadt noch fremder sein. Und irgendwann sind vermutlich nur noch kleine, süße Erinnerungen übrig, wenn ich mal wieder Freunde besuche. Aber bis dahin ist, Gott sei Dank, noch Zeit. 

Sonntag, 12. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... alternde Bands!

oder: Warum Linkin Park mir gerade das Herz bricht!

Musik begleitet uns unser Leben lang. Vor allem die Musiker, die sie machen. Manche Bands kennen wir sogar, seit wir klein sind. Und das ist einerseits schön, andererseits aber gefährlich. Denn nicht nur wir werden älter, auch die Musiker. Sie entwickeln sich weiter, genauso wie ihre Musik. Was dabei raus kommt, kann mutig sein, peinlich oder einfach nur grausig.

Denken wir zum Beispiel an die Rolling Stones. Die haben sich in den letzten fünfzig Jahren nicht wirklich verändert. Was bei über 70-Jährigen langsam Mitleid hervorruft. Niemand will sehen, wie ein Opi noch mal Vater wird, weil er dermaßen die Sau raus lässt. Musikalisch ist das vielleicht ganz nett, aber irgendwann fährt für jeden mal der Zug ab.

Eine der Bands, die das älter werden gut hinbekommen hat, sind die Red Hot Chili Peppers. Ihr Stil hat sich ständig gewandelt, aber verloren haben sich die Kalifornier nie. Auch wenn sie sich neu erfunden haben oder experimentiert. Ich kann sie noch guten Gewissens hören und erkenne sie nicht nur bei alten Songs, was an der ganzen Band liegt, nicht ausschließlich an Sänger Anthony Kiedis.

Doch es kann auch in eine ganz andere Richtung gehen. Statt peinlich oder stilsicher wird es jetzt grausig und - zumindest für mich - traurig. Denn eine Band hat sich dermaßen verändert, dass es mir das Herz bricht: Linkin Park. Damit ihr mich versteht, erkläre ich euch hier ein bisschen den Hintergrund.

1996 gegründet, brachten die sechs Amerikaner 2000 ihr erstes Album, "Hybrid Theory" auf den Markt. Der Stil: Harter Rock gemischt mit aggressivem Rap, Stilrichtung Nu Metal, die die Band mitunter ins Leben rief. Die Themen: Depressionen, schlechte Menschheit, alles scheiße. Oder: Wut. So könnte man es am besten zusammenfassen. Ein Beispiel: "In the End".

https://www.youtube.com/watch?v=eVTXPUF4Oz4

Zwei Jahre später veröffentlichten sie "Meteora". Der Stil ist ähnlich, teils schneller, teils professioneller aufgenommen. Aber insgesamt genauso gut. Aus dem Album stammen Lieder wie "Numb" oder "Faint", die auf jeden Rockparty laufen:

https://www.youtube.com/watch?v=kXYiU_JCYtU

Auch optisch erkennt man, was die Band damals aussagen wollte. Alle sehen locker aus, leger, bodenständig. In ihren Videos treten sie wütend auf, bunt gefärbte Haare, Bart, grimmige Grimassen. Sie lassen in den Songs alles raus - Beziehungen werden verarbeitet, Idioten bekommen ihre Abrechnung, es wird an der Identität gefeilt. Kurzum: Hört man eines der beiden ersten Alben, verarbeitet man automatisch mit. Man lässt alles raus, bis sich der Nebel verzieht und die Sonne wieder scheint.

Ich war in meiner Teeniezeit ein absoluter Fan der Band. Ist etwas Blödes vorgefallen, brachte mich die Musik erst rauf und dann runter. Ich kann, zugegeben etwas peinlich, bis heute alle Texte des ersten und zweiten Albums mitsingen - und rappen. Jeden Song.

Das Zwischenprojekt mit Jay-Z war komisch, aber verzeihbar. Immerhin waren das Songs der Band, die nur mit Hip-Hop aufgemischt wurden. Etwas ähnliches hatten sie selbst schon mit dem Remix-Album "Reanimiation" Jahre zuvor getan. Und Hip-Hop gehört eben zur Band dazu, schließlich rappen sie auch.

Aber weiter in der Geschichte. 2006 erschien ihr drittes Album, "Minutes to Midnight". Kurze Anekdote: Mein Vater fuhr mich in den CD-Laden, damit ich es direkt am Erscheinungstag kaufen konnte. Mit popeligen 14 Jahren. Ich hatte meinen tragbaren CD-Player dabei, um die neuen Songs direkt zu hören. Als ich das Album anmachte und zuhörte, bekam mein Herz einen ersten Knacks. Denn das war nicht mehr mein Linkin Park. Auch wenn manche Songs noch ganz gut waren.
Linkin Park wollte sich nämlich neu erfinden. Statt aggressiven Songs mit Rap-Parts, sang nun auch der Rapper. Der Stil wurde poppiger, die Wut war weg. Zumindest war sie sehr viel weniger geworden. Um euch ein Bild davon zu verleihen, hier der bekannteste Song "What I've Done":

https://www.youtube.com/watch?v=8sgycukafqQ

Von da an nahm mein Interesse an der Band ab. Aber bei jedem neuen Album brach mein Herz ein Stück weiter. Denn was die Band ausgemacht hatte, womit sie erfolgreich geworden war, fiel stetig weg: Wut, Melancholie, Verbitterung. Dinge, die wirklich nicht gut für die Menschen sind, die aber sehr gut tun, wenn man selbst in einer misslichen Situation steckt oder sich mies fühlt. Stattdessen wurde die Gruppe sehr viel erfolgreicher mit Poprock. Mit Musik also, die so viele andere Bands so viel besser können. Beispiel: "Burn it Down".

https://www.youtube.com/watch?v=dxytyRy-O1k

Heute tragen die Männer enge Skinny-Jeans, Lederjacken, sind durchgestylt von oben bis unten. Tokio Hotel aus Amerika in einer älteren Version, so in etwa. Und obwohl die Masse inzwischen die Band kennt, lässt sich zum Beispiel aus Spotify lesen, dass die alten Songs, "Numb" oder "In the End" noch immer am erfolgreichsten sind. Die hören die Leute heute noch. Die Popsongs werden schneller vergessen sein.

Aus dem bisher neuesten Album, "The Hunting Party", kenne ich kein einziges Lied mehr. Obwohl ich viel Radio höre. Dabei rockte die Band wieder mehr. Wozu entschieden sie sich? Noch poppiger werden! Und genau das ist auch der Anlass für diesen Eintrag. Gestern im Radio habe ich ein Lied gehört, das ganz nett klang. Trauriger Pop mit feiner Frauenstimme. Ich schaute nach, von wem der Song war und fiel vom Stuhl: Linkin Park. Die ein Lied machen, das absolut nichts mehr mit Nu Metal zu tun hat. Und deren Feature-Sängerin noch ein Jahr jünger ist als ich, dabei sind die Herren inzwischen Mitte 40! Hier ist das gute Stück "Heavy":

https://www.youtube.com/watch?v=5dmQ3QWpy1Q

Ich weiß, das klingt verbittert und böse - wie die alten Songs der Band. Aber dass sich meine frühere Lieblingsband so verkauft, um Erfolg zu haben, schmerzt. Noch mehr schmerzt, dass der Ursprung, der Kern der Musik völlig verschwunden ist. Was natürlich auch am Alter liegt, um wieder zum eigentlichen Thema zurück zu kommen. Schließlich hatten alle mit einer harten Jugend zu kämpfen, wie jeder von uns. Dass die Wut verschwindet, wenn man eine Familie gründet und dass man ruhiger wird, wenn man altert, verstehe ich auch. Aber sich so von sich selbst weg zu entwickeln? Nee, da hört's auf. 

Ich jedenfalls hab mit Linkin Park abgeschlossen. Und höre lieber die Rolling Stones. Oder die alten Songs. 

Samstag, 4. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... Smartphones!

Oder: Warum Entzug manchmal ganz gut tut


Erwin Lorenzen  / pixelio.de
Eigentlich habe ich immer behauptet, ich sei nicht smartphonesüchtig. Ich war mir sogar sicher, denn ich bin niemand, der alle fünf Minuten drauf schaut, um zu sehen, was es Neues gibt. Stattdessen habe ich es immer bei mir, gehe ran, wenn jemand anruft, schaue nach, wenn mir jemand schreibt oder checke gelegentlich die Nachrichten. Habe ich mehr Zeit, spiele ich auch mal was. Aber im Großen und Ganzen ist das harmlos. Aber wenn wir ehrlich sind, ist das Quatsch. Jeder, der ein Smartphone besitzt, ist gewissermaßen abhängig. Alleine schon durch die ständige Erreichbarkeit. Auch wenn ich es nicht allzu oft nutze, freue ich mich, jemanden anrufen zu können, falls es nötig wird oder die Nachrichten checken zu können. Und eine regelrechte Automatismushandlung ist, das Handy vor der Arbeit in die Hosentasche zu stecken, damit es dabei ist.

Aber dann kam Tag X - gestern. Der erste Tag, seit ich ein Handy besitze, an dem ich es gnadenlos zu Hause vergaß. Das ist mir noch nie passiert! Die Erklärung liegt sogar nahe: Ich hatte nach langer Zeit mal wieder ein Kleid an. Das keine Taschen hat. Wohin also damit? Normalerweise werfe ich es in meine Handtasche, aber gestern blieb es liegen.

Was folgte war ein Tag, den ich euch nicht vorenthalten will:

8:45 Uhr: Ich bin spät dran, komme aus dem Bad, schlüpfe in meine Stiefel, greife mir hektisch meine Handtasche und mache mich auf den Weg zum Auto.

8:50 Uhr: Ich komme zum Auto, setze mich rein und suche eine gute CD raus, bevor ich losfahre.

9:30 Uhr: Ich suche einen Parkplatz, finde einen, ärgere mich, dass ich so spät bin und laufe zur Redaktion.

9:40 Uhr: Ich stehe vor der Redaktion, an der Eingangstür und mich trifft der Schlag: Mein Handy liegt Zuhause. Das glaube ich zumindest. Der Schock spüre ich bis ins Mark. Ich gehe rein und bin völlig ungläubig. Wie konnte mir das passieren?

9:50 Uhr: Bin noch immer ungläubig. Ich öffne meine Handtasche und suche sie ab. Tatsächlich, es ist nicht dabei. In meinem Kopf spielt sich folgendes Szenario ab: Handy liegt einsam im Bett und wartet auf Gesellschaft. Zwischendrin vibriert es, aber niemand sieht nach, wer anruft oder schreibt.
Schock Nummer zwei: Was ist, wenn jemand WICHTIGES anruft?! Und ich nicht dran gehen kann? Pulsschlag erhöht sich. Habe Mitgefühl mit meinem einsamen Handy und frage mich, wie ich diesen Tag ohne überstehen soll. Ich versuche mich zu beruhigen, indem ich mir sage, dass ich es sonst auch nicht so häufig nutze. Höchstens in der Mittagspause oder wenn sich jemand Wichtiges meldet. Es hilft.

10:30 Uhr: Redaktionskonferenz ist vorbei. Ich habe viel zu tun, gehe zu meinem Schreibtisch und leg los. Das Smartphone gerät in Vergessenheit.

11:45 Uhr: Ich will einen Blick auf mein Handy werfe, ob es etwas Neues gibt. ABER ES IST NICHT DA! Wieder kurze Panikattacke. Endlich verstehe ich es, warum sich Menschen ohne Handy nackt fühlen. Mir kommt der Gedanke, was mein Freund denkt, wenn ich ihm den ganzen Tag nicht antworte. Es beunruhigt mich. Ich erzähle meinem Kollegen von meinem Missgeschick und er lacht mich aus. Ich komme mir armselig vor.

12:35 Uhr: Mittagspause. Ich lese eine Zeitschrift und esse Obst. Trotz der leeren Zeit vermisse ich das Smartphone gerade nicht. Bin ja beschäftigt.

13:00 Uhr: Wieder genug zu tun. Alles wird gut. Der halbe Tag ohne Handy ist überstanden. Puh.

14:30 Uhr: Bin erleichtert, wie gut ich das wegstecke. Denke an die Heimfahrt und das Wochenende, das auf mich wartet. Auf einmal der Gedanke - mein Puls steigt: Sollte ich einen Unfall haben, kann ich keinen Notruf holen! Und wenn winke, denken andere Autofahrer, ich sei ein krimineller Tramper! Gott sei Dank ist heute Morgen nichts passiert! Puh. Puls normalisiert sich wieder. Aber die Heimfahrt heute Abend! Wenn da was ist!! Ich werde einsam im Straßengraben vor mich hinsiechen. Hundertpro. Puls steigt ins Unermessliche! Ich beschließe, heute Abend mit 50 Stundenkilometern über die Straße zu schleichen. Sicher ist sicher.

15:45 Uhr: Noch immer genug zu tun. Fühle mich leicht gestresst, aber das gibt mir Energie! Ablenkung ist super und die Arbeit macht auch noch richtig Spaß! Die gute Laune kehrt zurück.

16:30 Uhr: Wieder denke ich an mein Handy und suche es gedanklich. Ist es wirklich auf dem Bett? Ich hab es doch wohl nicht unterwegs verloren? Bin ich paranoid? Keine Ahnung. Es wird sich schon finden. Der Vibrationsmodus ist an, ich kann es notfalls anklingeln. Ob mein Freund verstanden hat, dass ich es einfach vergessen habe?

17:30 Uhr: Feierabend! Wochenende! Ich mache mich auf den Weg zum Auto und bin tiefenentspannt. Das mit dem 50-km/h-Schleichen hab ich mir noch mal überlegt. Ich fahr ganz normal, was soll schon anders sein als sonst? Hoffe, mein Freund hat sich keine Sorgen gemacht.

18:10 Uhr: Komme nach Hause. Handy lag auf dem Bett. 14 Nachrichten, ein Anruf, 7 Mails. Gute Bilanz. Greife es mir und antworte (peinlicherweise, bevor ich meinen Freund begrüßt habe - könnte ja wichtig sein). Bin stolz, den Tag gut überstanden zu haben. Trotzdem: Das passiert mir hoffentlich nicht mehr!

Fazit: Klar bin ich süchtig. Nicht nach den Funktionen, sondern nach den Optionen. Denn die Möglichkeit, mal eben zu schreiben, und sei es ein Smiley an den Freund, macht doch viel aus. Und wichtige Anrufe können durchaus auch mal gerade dann kommen, wenn das Handy Zuhause liegt. Aber - und das ist wichtig - wir sollten uns da alle mal ein bisschen entspannen. Denn das Handy ergänzt unser Leben und macht es nicht aus!

Freitag, 3. März 2017

Welcome to Bavaria! Fasching

Oder: Warum Flucht nicht immer die beste Lösung ist!


Ich bin ein Faschingsmuffel. Und das kommt nicht von ungefähr, denn diese Abneigung kam erst. Kein Wunder, wenn man aus einer Region kommt, in der Fasching maßloses Ausrasten bedeutet. Das war auch einer der Gründe, warum ich guten Gewissens nach Bayern gezogen bin. Denn diese paar Tage – Altweiberfasching bis Faschingsdienstag – waren in Mainz nicht zu ertragen. Vor allem Rosenmontag forderte jährlich von mir einen starken Geduldsfaden. Hunderte Menschen, nein, Tausende, pendeln in die Landeshauptstadt, verkleidet und sturzbetrunken (morgens um zehn Uhr) und bevölkern jede Straße. Nirgendwo war man sicher. Vor lauter Musik, Gesinge und zugespeihten Straßen. Wirklich nicht schön. Einkaufen oder normale Aktivitäten konnte man Rosenmontag vergessen. Selbst Zuhause sein und nichts tun war nahezu unmöglich.

Deshalb blieben eigentlich immer genau zwei Optionen: Mitmachen – wofür man einen gewissen Alkoholpegel braucht, sonst fühlt man sich wie ein Alien – oder Flucht. Meistens machte ich mit. Ich verkleidete mich (an den meisten Rosenmontagen war es eiskalt, also mussten unter das Kostüm noch drei Schichten Pulli, Unterhemd und Strumpfhosenleggins, ich sah also nicht nur aus wie ein Rotkäppchen, Cowgirl, Indianer, sondern auch jedes Mal wie das Michelinmännchen). Letzten Endes fror ich trotzdem fürchterlich. Denn auch wenn der Zug offiziell um 11.11 Uhr beginnt, verzögert sich oft alles. Heißt, man kommt um 10 Uhr, um einen guten Platz zu bekommen, wartet aber unweigerlich bis mindestens 12 Uhr, bis der Umzug an einem vorbeizieht. Und dann geht dieser Umzug auch noch vier Stunden. Also bis 16 Uhr Minimum. In der Zwischenzeit hat man natürlich den mitgebrachten Alkohol vernichtet und pegelt vor sich hin. Wie gesagt, alles andere ist nahezu unmöglich, denn man erträgt Wahnsinn nur durch mindestens genauso viel Wahnsinn. Anschließend zog es alle in Richtung Höfchen oder Schillerplatz, denn dort findet die Rosenmondnacht statt. Zu lauter Musik – von Charts bis Schlager (ja, auch „An Rosenmontag bin ich geboren“ und „Das rote Pferd“ sind dabei) – feiert die betrunkene Horde bis tief in die Nacht. Im Kostüm.

Vor zwei Jahren sind wir nach Hause geflohen. Was nötig war. Denn mit wenig Alkohol nervt einen irgendwann die Rücksichtslosigkeit der Narren. Aber auch da keine Ruhe. Stattdessen wummerte in der Dönerbude unter dem Haus der fette Elektrobass, bis tief in die Nacht hinein. Seitdem ist mir klar: Ich hasse Fasching. Ich möchte wirklich meine Ruhe. Keine Sauforgien, keine betrunkenen Irren, die sich verkleiden, und keine laute Schunkelmusik.

gänseblümchen  / pixelio.de

Deshalb mein Hoffnungsfunke: In Bayern gibt es das nicht! Ha! Da hab ich tatsächlich Ruhe, kann arbeiten gehen. Ein ganz normaler Tag! Juhu! Aber ganz so leicht ist es dann doch nicht. Denn es gibt auch hier den Fasching. Kleine Umzüge, vorwiegend am „glumpigen Donnerstag“ oder am Faschingsdienstag. Außerdem Faschingsbälle, aber nur vereinzelt Kappesitzungen (die ich immer noch am besten fand).

Und der Höhepunkt: Da ich aus Mainz komme, muss ich mitmachen. Ich darf Rathausstürmungen und Faschingsumzüge ansehen und schreiben. Ich war sogar auf dem Faschingsumzug in meinem Arbeitsort eingeplant worden, denn unsere Redaktion ging mit. Noch besser: Ich wurde abgelichtet und bin auf der lokalen Seite 1 auf einem Foto zu sehen. Bei einem Faschingsumzug. In Bayern.

Aber es gibt auch etwas Schönes daran. Wir hatten sommerliche 18 Grad und der Umzug ging bloß eine halbe Stunde. Und jetzt ist Fasching zum Glück erst einmal vorbei. Auch in Bayern.


PS: Als ich Dienstag auf einem kleinen Umzug stand, das muss ich jetzt noch zugeben, und ihn mir ansah, um darüber zu schreiben, wurde mir auch plötzlich ganz schwer ums Herz. Denn dieses war das erste Jahr, an dem ich nicht in meiner Heimat war, an dem ich mich nicht über die Mainzer Narren ärgerte oder mit in der Menge stand. Da hatte ich schon ein bisschen Pippi in den Augen.