Samstag, 2. September 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... Freundschaften im Berufsleben!

...oder: Wie geht das nochmal?!

Wie haben wir das nur früher gemacht? Das habe ich mich letztens gefragt, als ich mal wieder einen Tag in Kempten hatte, an dem mir die Decke auf den Kopf gefallen ist und ich furchtbar Sehnsucht nach meinen Freunden in Mainz bekam. Wie knüpft man Freundschaften? Und mir ist schlagartig klar geworden, warum das früher so leicht war: Wir Menschen waren leichter. Im Kindergarten lief das in etwa wie folgt ab: "Magst du mit mir spielen?" "Ja, gerne!" Zack, bumm: Freunde. In der Schule war uns der Sitznachbar der Nächste, im doppelten Sinne. Und nach der Schule blieb immer noch Zeit für ein Hobby - über das man wieder neue Menschen kennenlernte. Im Studium wiederum saßen alle im selben Boot: Es gab hunderte Leute, die niemanden kannten. Also suchte jeder verzweifelt nach Anknüpfungspunkten und schwupp, bildete sich eine Clique. Freunde finden war also nie schwer. Und dann kommen wir in den Beruf und schwimmen auf einmal, was Sozialkontakte betrifft. Besonders diejenige, die - wie ich - weggezogen sind.


rawpixel.com
Nach neun Monaten Schwimmen habe ich beschlossen, etwas daran zu ändern und ein paar Methoden ausprobiert, um neue Freunde zu finden. Das Ergebnis und die Chancen habe ich euch einmal zusammen gefasst. Die Bewertung findet nach vier Kategorien statt: Kennenlernmöglichkeit, Zeitaufwand, Ernsthaftigkeit der Absicht. Kennenlernmöglichkeit bedeutet, wie gut sich die Methode eignet, überhaupt Leute kennen zu lernen. Zeitaufwand heißt, wie viel Zeit ihr in neue Kontakte investieren müsst beziehungsweise wie lange es dauert, bis sich wirklich eine Freundschaft entwickelt. Ernsthaftigkeit der Absicht spielt darauf an, ob die Menschen Interesse an einer Freundschaft haben. Also los:


Arbeit

Über den Job neue Freunden zu finden, kann entweder wahnsinnig gut klappen oder gar nicht, denn das hängt von den Kollegen ab. Seid ihr als Mittzwanziger die Jüngste im Team und der Rest ist Anfang 50, stehen die Chancen eher schlecht. Denn selbst wenn ihr euch mögt, ist der Freizeithorizont ein ganz anderer. Sind die Kollegen aber in einem ähnlichen Alter, muss nur die Chemie stimmen und es könnte etwas werden. Schließlich habt ihr grob dieselben Interessen - ihr teilt euch ja einen Arbeitsplatz - und ihr verbringt unheimlich viel Zeit miteinander. Andererseits kommt ihr als Neuling in ein Team, das schon länger besteht und es "nicht nötig hat", neue Freunde zu finden. Deshalb müsst ihr mehr investieren. Das Manko ist bei Jobfreunden, dass ihr vermutlich irre viel über euren Job sprechen werdet. Im besten Fall wird das euer Ventil, um einfach einmal Dampf abzulassen, im schlechtesten Fall kommt ihr über dieses Thema nicht hinaus und eure Beziehung dümpelt auf Kollegenniveau herum. Der Vorteil ist aber, dass ihr nicht allzu viel Zeit benötigt, um eine Freundschaft aufzubauen, weil ihr eh täglich abhängt.

Kennenlernmöglichkeit: ☺☺☺
Zeitaufwand: ☺☺☺
Ernsthaftigkeit der Absicht: ☺☺☺

Facebook-Gruppen

Es gibt sie in jeder Stadt: Facebookgruppen wie "Neu in Köln" oder ähnliches. Hier läuft es ähnlich wie an der Uni: Jeder, der Teil davon ist, kam oder kommt neu in die Stadt. Die Möglichkeit, Menschen mit ähnlichen Interessen zu treffen, ist da. Aber: Manche Menschen sind seit Ewigkeiten dort und haben längst ihre Clique gefunden. Oder wenn jemand in die Runde ein gemeinsames Erlebnis vorschlägt, melden sich direkt 50 Leute, womit man leicht verloren geht. Die Option ist also per se nicht schlecht - und der Zeitaufwand ist auch gering, denn ihr müsst nur einen Post absetzen oder kurz antworten und etwas ausmachen, bevor ihr euch trefft - aber die Ernsthaftigkeit ist... naja, fragwürdig.

Kennenlernmöglichkeit: ☺☺☺☺☺
Zeitaufwand: ☺☺
Ernsthaftigkeit der Absicht: ☺☺

Stammtische

Über die Facebookgruppen kommt es manchmal zu Stammtischen. Zugezogene, manchmal auch Einheimische kommen, mal nur Männer, mal nur Frauen, mal gemischt. Ihr seht das Event in der Gruppe und müsst nur zusagen. Das Problem dabei: Zu einem solchen Stammtisch kommen viele Menschen. Für mich war das ganz schön überfordernd, vor allem weil du dich mit möglichst vielen unterhalten willst, was nahezu unmöglich ist. Auch das typische Kennenlernen ist anstrengend, erst Recht, wenn es in der Masse stattfindet. Bei mir blieben hier zwei, drei Leute hängen, mit denen ich gelegentlich schreibe, aber richtig etwas entwickelt hat sich dadurch nichts... Immerhin ist es zeittechnisch in Ordnung: Es "frisst" euch nur einen Abend, zumindest fürs erste.

Kennenlernmöglichkeit: ☺☺☺☺☺
Zeitaufwand: ☺☺☺
Ernsthaftigkeit der Absicht: ☺☺☺

Vereine

Die klassische Kennenlernoption. Aber auch hier sind oft schon Grüppchen, die sich gefunden haben. Ihr müsst euch also mehr anstrengen, um rein zu kommen. Die Absicht ist entsprechend auch gering (vor allem auch wegen des gemischten Alters), aber der Vorteil ist: Hier können sich Freundschaften ganz natürlich entwickeln. Ihr quatscht in der Runde nach einem Bier, werdet Teil einer Gruppe und findet ganz automatisch Menschen, die euch mal mehr sympathischer sind, mal weniger. Es ist eben nicht so erzwungen wie diese Stammtische oder die Gruppen. Und nebenbei tut ihr etwas, was euch mal auf andere Gedanken bringt.

Kennenlernmöglichkeit: ☺☺☺☺
Zeitaufwand: ☺☺☺☺
(bis auf das wöchentliche Treffen ergibt sich alles automatisch)
Ernsthaftigkeit der Absicht: ☺☺

Freundschafts-Apps 

Seit einer Weile gibt es auch Apps, die Freundschaften knüpfen unterstützen. Ich hab mir "friendsUp" runter geladen. Je nach Ort bekommt man dort zahlreiche Vorschläge von ebenfalls angemeldeten Menschen. Findet man sie sympathisch, wischt man, ähnlich wie bei Tinder, hoch oder wenn man sie nicht sympathisch findet runter. Der Vorteil (und gleichzeitig der Nachteil): Es dürfen sich nur Frauen anmelden. So will die App gegen Baggerattacken vorgehen. Aber: Männer können die App nicht nutzen. Noch ein Nachteil: Je nach Region gibt es nur wenige Vorschläge. Wer im tiefsten Spreewald wohnt, wird also die App nicht unbedingt nutzen wollen. Doch es gibt einen riesigen Vorteil: Von vorneherein ist die Absicht klar und über Chats kann man vorab checken, ob die Chemie wohl stimmt. Bei vier Mädels habe ich festgestellt, dass wir uns wohl besser nicht treffen sollten, aber eine habe ich bei einer Art "Freundschafts-Blind-Date" getroffen. Und jetzt sehen wir uns öfter, weil wir voll auf einer Wellenlänge sind. Bislang war also die App am erfolgreichsten :-). 

Kennenlernmöglichkeit: ☺☺
Zeitaufwand: ☺☺
Ernsthaftigkeit der Absicht: ☺☺☺☺☺

Sonntag, 20. August 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... Brillen!

...oder: Wie es ist, Anfang 20 auf einmal eine zu brauchen.

Es war völlig surreal, wie in einem falschen Film. Nein, besser: Wie auf einem falschen Planeten. Um mich herum nur fremde Wesen, die Brillen tragen und ich, der bislang nie eine brauchte. Ich stand im Eingangsbereich des Optikers, vor mir drei Kunden, und beobachtete das seltsame Treiben. Menschen, die anderen Menschen gegenüber saßen und Formulare ausfüllten. Tausende Brillen, die von den Wänden aus die Kunden anstarrten. Und übertrieben freundliche Mitarbeiter, die den Wartenden nur so in den Hintern krochen. 

Dummerweise erwischte ich eine Beraterin, die alles andere als das war. Uschi - so hieß sie bestimmt - war Mitte 50, trug ein dickes Horngestell und hatte noch nie etwas von Höflichkeit gehört. "Was wollen Sie?", blaffte sie mich an, obwohl ich ganz normal in der Schlange stand. "Ich brauche eine Brille", sagte ich und musste selbst ein bisschen über meine offensichtliche Antwort schmunzeln. Sie nicht. Uschi bat mich, ihr zu folgen und stellte mich vor einem dieser riesigen Brillenwände ab. "Erste Brille?" "Jup." Damit ließ sie mich stehen und mich plagte die Überforderung. 

20 Jahre lang hatte ich reibungslos funktionierende Augen gehabt. Einen scharfen Blick wie ein Adler. Bis ich urplötzlich auf der Arbeit merkte, dass ich nach langen Sessions vor dem PC Schwierigkeiten hatte, in die Ferne zu blicken. Und auch beim Autofahren waren nicht mehr alle Schilder von Weitem lesbar. Also machte ich mich auf, eine Gelegenheitsbrille zu kaufen, die ich nur dann anziehen wollte, wenn es nötig war. Eigentlich fand ich das ganz cool, denn neue Dinge und kleine Veränderungen begeistern mich (ich war als Teenie zum Beispiel auch voller Vorfreude, als ich meine feste Zahnspange bekam - wie dumm). Aber jetzt im Geschäft brach die Realität über mir ein. 

500 Brillen hingen vor mir und ich hatte keine Ahnung. Okay, es sollte schlicht sein. Soweit. Aber was heißt das? Keine rahmenlose Fassung, das wusste ich sicher. Ich wollte modern und stylisch aussehen, wenn ich schon eine Brille benötigte. Also suchte ich mir drei Modelle aus, die irgendwie in dieses Bild passten: Da war einmal eine absolute Traumbrille, petrolfarben, ungewöhnliche Form, 100 Euro... Schön, aber unrealistisch. Dann gab es eine etwas gewöhnlichere, schwarze mit breitem Rand für 70 Euro und eine graue, die irgendwie nach nichts aussah für 20 Euro. Als ich meine persönliche Beraterin ansprach, pflanzte sie mich an einen der Tische mit den drei Stühlen - einer für den Mitarbeiter, zwei für die Kunden - und sagte, sie komme gleich. 

30 Minuten später tat sie das auch. Und fragte mich, wie ich mich entschieden hatte. Eigentlich wollte ich von ihr hören, welche gut sitzt und gut an mir aussieht, aber dazu war Uschi nicht fähig. Also entschied ich mich für die Durchschnittliche: Durchschnittlicher Preis, durchschnittliche Farbe, durchschnittliche Form. Sie stand mir auch, das schon, aber sie saß völlig falsch und abschließend musste ich drei weitere Male zum Optiker - jedes Mal mit einer gewissen Wut im Bauch - weil sie die Brille und die Gläser bearbeiten mussten. 

pixabay.com
Aber gut, das ist inzwischen drei Jahre her. Und inzwischen trage ich keine Gelegenheitsbrille, sondern eine feste. Denn wie sich herausgestellt hat, habe ich den Gendefekt meines Vaters geerbt - er hatte bis zu seinem 20. Lebensjahr auch gute Augen und ist dann in kurzer Zeit auf -4 Dioptrien gerutscht. So schlimm ist es bei mir zwar noch nicht, aber ich bin jetzt auf eine Brille angewiesen. Und es ist ein riesen Unterschied, ob ich sie aufziehen kann oder muss. Ich hab allen, die entweder mit Gläsern vor den Augen groß geworden sind oder die keine tragen müssen, mal die Nachteile und seltsamen Situationen aufgeschrieben:

1. Vergesslichkeit
Wer lange keine Brille gebraucht hat, hat sie auch nicht immer auf dem Schirm. Etliche Male habe ich also auf dem Weg zur Arbeit meine Gläser vergessen. Anfangs noch nur ärgerlich, aber nicht weiter schlimm. Deshalb kam es auch jeden zweiten Tag vor. Inzwischen wäre es eine Katastrophe, schließlich würde ich ohne vermutlich kein einziges Straßenschild auf 100 Meter Entfernung erkennen. Aber hey, man gewöhnt sich dran.

2. Hitze/Kälte
Ist es heiß, schwitzt man, ist es kalt, friert man. So weit, so offensichtlich. Mit Brille habt ihr aber mehr Probleme: Eure Brille beschlägt. Im Winter, wenn es richtig kalt ist, habt ihr jedes Mal einen milchigen Film auf den Gläsern, sobald ihr einen Raum betretet. Im Sommer, wenn ihr schwitzt, läuft sie davon an. Echt nervig, glaubt mir (davon können die Brillenträger ein Lied singen). Und mit angelaufener Brille sieht man immer so dämlich aus...

3. Sonne
Früher, wenn es richtig schön sommerlich war, habe ich zu meiner 10-Euro-Sonnenbrille aus einem Schmuckladen gegriffen und sah sehr schnell sehr günstig sehr cool aus. Mit Sehschwäche geht das nicht mehr, da braucht ihr auch in der Sonnenbrille verstärkte Gläser. Und weil Gläser nun mal richtig teuer sind, habe ich nur noch eine davon, die ich hege und pflege. Damit aber noch nicht genug, schließlich müsst ihr auch jedes Mal, wenn ihr geblendet seid, die Brille wechseln. Beim Autofahren ist das gar nicht so leicht.

4. Putzen
Wie schnell eine solche Brille dreckig wird, hätte ich nie erwartet. Mindestens drei Mal muss ich sie am Tag putzen, sonst habe ich Flecken drauf - und selbst die kleinsten davon nerven enorm. Dabei kommt es aber auf die Technik an. Muss es schnell gehen, reicht das übliche Brillenputztuch im Etui. Morgens hingegen gibt es die Grundwäsche. Nass machen und mit dem Handtusch trocken wischen.

5. Liegen 
Eine Sache, die ich völlig unterschätzt habe, ist liegen mit Brille. Klar, auf dem Rücken ist das kein Problem. Aber sobald ihr euch auf die Seite rollt, merkt ihr das Gestell: Es drückt. Heißt: Gemütlich einkuscheln mit Brille geht nicht mehr. Muss ja auch nicht, es sei denn ihr wollt...

6. Fernsehen
Noch etwas, das mir nicht klar war: Auch beim Fernsehen braucht ihr jetzt eine Brille. Sonst könnt ihr die Figuren im TV nur noch erahnen (was auch manchmal geht, zum Beispiel wenn ihr liegen wollt). Aber liegen und ein scharfes Bild geht nicht - und auch das nervt.

Eine Brille zu bekommen, bringt also in erster Linie einige Veränderungen mit sich. Aber, wie schon gesagt, man gewöhnt sich an alles. Und es hat gar nicht lange gedauert, bis die Brille einfach ein Teil von mir war. 

Freitag, 11. August 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... die Nature One, Vol. II

...oder: Mein Party-Tagebuch

Einen Tag lang verzichte ich jedes Jahr auf Schlaf (und der ist mir normalerweise super wichtig!): Nämlich genau dann, wenn wieder die Nature One die Raketenbasis Pydna zum Beben bringt. Weil ich euch letztes Jahr schon vorgeschwärmt habe, was daran so toll ist, bekommt ihr diesmal das Feiertagebuch der elektronischsten 24 Stunden meines Jahres. 

https://www.youtube.com/watch?v=uD_lDaxdUUQ

17:44 Uhr Bin im Zug nach Mainz, um meinen Kumpel Daniel abzuholen (und meine Sachen dort abzustellen). Fange mir erste Blicke von Mitfahrern ein, die nicht einschätzen können, ob ich einfach wunderlich bin oder außerirdisch. Habe viel Zeit in blaue Haare, rot-blaue Augenlider, metallene Lippen und mein kleines, silbernes Gesichtstattoo investiert. Körperlich bin ich entspannt, mental gar nicht, denn ich habe fünf Minuten, um vom Hauptbahnhof in die Straßenbahn zu kommen, bei Daniel eine Viertelstunde, um in die Wohnung zu gehen, Sachen abzustellen und mit Daniel wieder zur Haltestelle zu gelangen. Und dann, wenn es bis dahin gut geht (unwahrscheinlich), bleibt uns genügend Zeit für den Zug...

18:02 Uhr Juhu, bin in der Straßenbahn! Sogar eine früher als erwartet!

18:37 Uhr Nochmal juhu! Der Stress hat sich gelohnt, wir haben ein super Timing! Habe alles umräumen können wie erwartet, jetzt nur noch ein Ticket für den Zug ziehen. Hoffentlich liegt nichts Wichtiges mehr in Daniels Wohnung...

18:48 Uhr F&#k! Natürlich hab ich was vergessen! Meine Bahncard! Ich hätte die 20 Euro sparen können. Ach, Mann, typisch. Immerhin ist sonst alles dabei.

19:05 Uhr Ist das euer Ernst? Der Automat nimmt meinen 50-Euro-Schein nicht. Der Verkaufsschalter hat bereits geschlossen, der Infoschalter verkauft und wechselt nicht. Bin verzweifelt. Versuche es bei Rossmann. Alarm geht am Eingangsbereich los. Die Kassiererin zitiert mich herbei, ich muss all meine Sachen entwerten lassen, damit ich nicht mehr piepse. Hilft aber nicht. Sie schickt mich kopfschüttelnd raus. Kaufe mir frustriert eine Brezel, um mir ein Bahnticket zulegen zu können. 

19:25 Uhr Sitzen im Zug. Daniel hat eine Dose Wodka-Lemon aufgemacht, ich eine Dose Prosecco mit Himbeeren. Klebrig. Ich schwärme ihm vom vergangenen Jahr vor, da fällt mir siedend heiß ein, dass auch mein Personalausweis noch in Daniels Wohnung liegt. Verfalle in Panik. Was, wenn es dort Sicherheitskontrollen gibt? Und sie mich deshalb nicht rein lassen? Und der ganze Abend im Eimer ist? Mir bricht Schweiß aus. Erinnere mich, dass ich den Perso mal abfotografiert habe. Finde die Datei auf dem Handy. Hoffe, das reicht. 

20:10 Uhr Noch eine Zigarette vor dem Partybus, der uns von Koblenz nach Pydna bringt. Wollen gerade einsteigen, als dort Volksmusik erklingt. Erst urtümlich, dann Helene Fischer. Überlegen kollektiv, zu protestieren. Der Busfahrer entscheidet sich dann doch für Techno. Gott sei Dank...

21 Uhr Sind auf dem Gelände. Muss aufs Klo, die Fahrt war lange. Stelle mich in eine 20 Meter breite und 50 Zentimeter lange Schlange vor den Dixis. Chaos. Brauche ewig, um aufs Klo zu gehen, während Daniel mit meiner Regenjacke im Arm wartet. Immerhin ist das Klo recht sauber. 

21:13 Uhr Komme zurück zu Daniel. Er beschließt, er muss jetzt auch. Also nochmal von vorne: Anstellen in der Dixi-Schlange. Sie ist inzwischen ein Meter lang. Kann sich nur um Stunden handeln...

21:32 Uhr Daniel kommt endlich zurück. Endlich, weil wir bis aufs Festivalgelände noch eine Dreiviertelstunde locker vor uns haben, denn alle Besucher drängen gerade dorthin. Es ist enorm viel los. Reihen uns in die Masse und folgen. 

21:50 Uhr Ups, ging wohl doch schneller. Die Kontrollen haben sie extrem gut hinbekommen. Auch mein braunes Guaranapulver (pflanzliches Koffein, ganz legal!) haben sie gefunden. Die Frau von der Security rief direkt die Drogenkommission. Der Typ roch kurz daran, lachte und winkte mich durch. Ab geht's!

22 Uhr Daniel möchte Bier, ich möchte Wasser. Stellen uns an und bekommen Getränke schnell. Komme auf die irre Idee, Guarana in die Getränke zu machen. Da man ja immer rund einen halben Teelöffel nehmen soll, mach ich ordentlich rein. Die Folge: Daniels Bierschaum sieht aus wie dreckig und mein Wasser verwandelt sich zur Schlammbrühe. Auch geschmacklich. Na toll. Hauptsache wach. 

22:11 Uhr Sind auf dem Open-Air-Floor. Daniel ist sichtlich beeindruckt, ich fühl mich Zuhause. Die Ostblockschlampen legen gerade auf und feiern enorm, dass sie gerade hier sind. Stimmung ist super, fühle mich frei und jung und gut. 

https://www.youtube.com/watch?v=md7Co6Qyym0

22:14 Uhr Durch das Tanzen vermischt sich das Guarana mit dem Wasser. Sieht noch immer eklig aus, aber schmeckt immerhin wie Wasser. 

22:47 Uhr Beschließe, Daniel das Gelände zu zeigen. Machen eine Rundreise vom Classic Floor (auf dem 90er-Techno läuft) über den Century Circus (Zelt, in dem neuer Techno gespielt wird) bis hin zum House of House (da läuft House - überrascht, was?). Beleuchtung ist definitiv dort am besten. Schauen auch kurz in die kleinen Bunker, in denen jeweils Clubs drin und drauf sind, aber um halb zwölf habe ich ein Date mit Moguai am Open-Air-Floor. Vorfreude!

https://www.youtube.com/watch?v=TuzD8TWyfX0

23:35 Uhr Hartes Set von Moguai... Letztes Jahr war er melodischer. Mal schauen, ob er die vier Lieder, die ich inzwischen kenne, spielt. Bin zuversichtlich. 

23:50 Uhr Noch immer ziemlich hart - und unbekannt. Nicht so das Wahre. Will aber nicht mein Gesicht verlieren und feier hypnotisch weiter zur Musik. Ein DJ-Set kann sich ja entwickeln...
Moguai auf dem Open-Air-Floor

0:14 Uhr
Gebe auf. Stil bleibt so. Schade. Setzen uns auf einen der Hügel, um kurz zu entspannen. 

0:17 Uhr Shit, sind die rutschig! Ohne Spikes macht man da den Abflug. Uncool. 

0:45 Uhr Oh Mann, jetzt spielt Moguai eins der Lieder, die ich kenne? Jetzt, nach eineinviertel Stunden? Egal, sitze gut (Po ist im Boden verankert, das geb ich jetzt nicht auf, nicht vor dem Feuerwerk!)
Feuerwerk über die Schulter...

1:10 Uhr Moguai ist fertig, die Nature One Inc. übernimmt und macht die Hauptshow. Einer der Gründe, warum ich dieses Jahr Samstag und nicht Freitag hin wollte. Die ersten zehn Minuten laufen ohne Pyroeinlagen und Feuerwerk ab. Stattdessen zeigen sie an der Lichtpyramide über dem Open-Air-Floor, was sie alles kann. Dann kleine Raketen oberhalb der Bühne. Und dann - och nöhööö! - beginnt das Feuerwerk hinter uns. Ein riesiges, wunderschönes Feuerwerk. Nur da wir am steilen Hang mit Blick auf die falsche Seite sitzen und alle jetzt auf den Bunker stürzen, haben wir keine Chance. Wir drehen uns um, gucken über die Schulter oder beobachten, wie die Leute sich die Lichtershow ansehen. Na toll. 

1:33 Uhr Suchen einen Weg über den Bunker und versinken dabei oben im Gras, nachdem die glücklichen Feuerwerkschauer den Hügel verlassen haben. Gibt hinten keinen Weg runter, also wieder dorthin zurück, wo wir herkamen und mitten durch den Bunker hindurch. Muss aufs Klo und stelle mich mal wieder in eine dieser seltsamen Schlangen. Ein Typ quatscht mich an, Mirko oder so (verstehe den Namen durch die laute Musik schlecht). Fragt, "ob ich auch anstehe". Muss mir eine blöde Antwort verkneifen. Er führt aber ein zivilisiertes Gespräch mit mir, die Anmache ist nicht niveaulos. Er erzählt zum Beispiel, dass er Menschen aus dem Allgäu kennt und aus Hessen kommt. Sympathisch! Als er mich fragt, was ich beruflich mache, geht eine Klokabine auf, in die ich schlüpfe. Bester Moment bis heute! Nicht Mirko, sondern das Klo, denn der Toilettenrand ist total sauber und es gibt Klopapier! Juhu!
Die Lightshow im House of House bei Moonbootica

2:13 Uhr Sind im House of House und tanzen zu Moonbootica. Daniel ist zu heiß, wir gehen an den Rand. Dort dienen wir aber als Wegweise für den Durchgang oder als Kreise, denn ständig laufen Leute um uns herum. Beschließen, dass wir lieber raus gehen, noch eine rauchen. 

2:48 Uhr Verquatschen uns auf einem Hügel. Werde harmlos emotional und fühle mich kindisch. Kann daran liegen, dass Daniel 12 Jahre älter ist als ich und oft weise Ansichten hat. Vielleicht ist es aber auch, weil ich meinen heutigen Tiefpunkt erreiche. Bin richtig müde und mir wird kalt. 

3:12 Uhr Gehen zum Getränkestand. Ich ordere ein Bier für Daniel und ein Wasser für mich. Soll acht Euro zahlen, was zu viel ist. Statt Wasser bringt sie mir aber Storm, das koffeinhaltige Wasser auf der Nature One, das teurer ist als übliches. Ich drücke ihr sieben Euro in die Hand, sie lacht. "Ich dachte, du hast schon bezahlt", sagt sie. Ich ärgere mich kurz über meine Ehrlichkeit, freue mich aber über den Euro weniger, den ich gezahlt habe und das Koffein, das ich so bekomme.

3:27 Uhr Daniel möchte sich Tom Wax auf dem Classic Floor anschauen. Müssen erstmal den Floor suchen, denn es gibt einen weiteren großen auf einem Hügel. Daniel - der eigentlich Rock hört und nur gelegentlich mal zu Elektro feiert - erkennt Tom Wax. Für klassischen Techno ist er wirklich gut. Feiern mit lauter Menschen, die aber in die Zielgruppe hören. Heißt: Ich bin mit Abstand die Jüngste. 

3:52 Uhr Weitere kurze Pause zum Durchschnaufen. Müdigkeit dümpelt in unseren Köpfen vor sich hin. 

4:13 Uhr Machen einen Abstecher zum Open-Air-Floor. Wollen den Abend dort ausklingen lassen, dort gefällt es uns am besten. Momentan spielt noch Ferry Corsten, dann übernimmt Tujamo. Die Tanzfläche ist deutlich leerer als noch gegen Mitternacht. Merke, wie meine Akkus durch die Musik wieder aufladen, tanze mich in den Flow, als es auf einmal still wird. Nur ein Animateur macht noch Faxen. Ich sage aus Spaß: "Da ist wohl das Pult kaputt". Da sagt der Animateur auf Englisch (warum auch immer, wenn der DJ deutsch ist und das Publikum auch): "Wir haben Probleme mit dem Pult." Fünf Minuten kein Tanzen. Die Menschenmasse stört das nicht. Sie feiern auch so weiter. 

5:10 Uhr Beschließen aufzubrechen, ab zum Bus. Zahlreiche Menschen gehen mit uns. Der Bus fährt pünktlich um halb sechs ab. Wir sind extrem müde. 

5:29 Uhr Diskutieren über die Zukunft von Zeitungen. Merke, dass das mit meinem müden Kopf echt anstrengend ist und ich keine guten Argumente mehr zusammen bekomme. 

6:07 Uhr Sind am Koblenzer Hauptbahnhof. Laufen wie Zombies zum Becker und holen Frühstück. Alles noch warm, mjam. Ich kaufe mir noch ein Ticket - das mit dem Bahncard ist mir mittlerweile zustandsbedingt egal - und laufe mit Daniel zum Gleis, frühstücken. Es ist bitterkalt heute Morgen, maximal 13 Grad. 

6:55 Uhr Abfahrt nach Mainz, im ICE! Es ist so bequem, dass ich hart gegen das Schlafen ankämpfen muss. Als Daniel mir nach fünf Minuten sagt, ich soll doch bitte endlich nachgeben, bin ich sofort weg. 

7:28 Uhr Sind in Mainz. Nehmen uns ein Taxi zu seiner Wohnung, denn auf die Straßenbahn warten halten wir nicht mehr aus. Bin erstaunt, wie fit mich dieser Kurzschlaf gemacht hat. Rede wieder ununterbrochen. 

8:11 Uhr Beschließe, meinen Zustand zu nutzen und wach zu bleiben. Gehe Duschen in Daniels Wohnung und suche mir den nächsten Zug ins Allgäu. Wenn ich jetzt schlafe und auf meinen eigentlich gebuchten Zug warte, ist mein Tag im Eimer. 

9:19 Uhr Fahr Richtung Hauptbahnhof. Hoffe, keine Tasche liegen zu lassen oder wegzudösen, sonst wache ich am anderen Ende von Mainz auf. 

11:32 Uhr Zugfahrt ist bequem, habe geschlafen. Wache auf, weil sich ein Mädchen neben mir setzt. Sieht ähnlich alt aus wie ich. Hat aber eine Freundin dabei, die sich gegenüber setzt. Und schon reden sie, durchweg in einer hohen Stimmlage - über Make-up. Ich kann meinen Schlaf vergessen. Bin frustriert und zähle die Stunden, die ich jetzt wach bin (mit Miniunterbrechungen): 27. 

12:17 Uhr Bin am Ulmer Hauptbahnhof, muss umsteigen. Hab tierisch Hunger, das Frühstück ist zu lange her. Hole mir etwas zu essen und kann den letzten Sprint mit dem Regionalexpress nicht mehr erwarten. 

14:21 Uhr Komme im Allgäu an. Und hab wieder Hektik. Es fährt genau ein Bus in genau fünf Minuten, danach für 90 Minuten nichts mehr. Ich weiß, dass ich die 90 Minuten nicht aushalte, also renne ich. Erwische den Bus und torkle müde die letzten Meter von der Haltestelle nach Hause. 

14:44 Uhr Begrüße meinen Freund - die letzte Handlung, bevor ich nach 30 Stunden ohne Schlaf auf der Couch ins Koma falle. Aber nicht ohne ein Lächeln im Gesicht. 

https://www.youtube.com/watch?v=MbiyT9LXgu0

Mittwoch, 2. August 2017

Die besten... Hymnen!

Es sind Lieder, die es schon seit Generationen gibt. Und die sich in den Köpfen festgesetzt haben, denn sie bewegen Menschen, bringen sie zusammen. Sei es durch Emotionen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl oder die Atmosphäre, die sie vermitteln. Wer jetzt Nationalhymnen im Kopf hat, denkt aber nur an einen Bereich. Denn auch in Pop- und Rockmusik gibt es sie. Ich habe euch fünf Hymnen zusammen gestellt, an die ihr vielleicht nicht sofort denkt, die aber dieses einzigartige Gefühl in eure Ohren bringen.

Glorious - Macklemore feat. Sklyar Grey (Pop/Rap)
Lange dachte ich, "Thriftshop" und "Can't hold us" seien ein kurzes Phänomen, das langsam vorbei geht. Denn danach konnte Macklemore nie richtig nachlegen. Jetzt hat er bewiesen, dass er es noch immer kann. Mit Glorious bewegt er die Massen - nicht nur emotional, denn der Song ist zusätzlich tanzbar und fordert zum Mitsingen auf. Ein Song, der definitiv Hymnenpotential hat!
PS: Zuckersüßes Video!
Emotional, feierlich, tanzbar

https://www.youtube.com/watch?v=7OrLroFa0AI


High as a Kite - FAIRCHILD (Indie)
Was früher einmal Coldplay waren - siehe unten - könnte einmal FAIRCHILD sein. Mit emotionalen Songs und treffenden Lyrics berühren sie ihre Zuhörer und reißen sie mit. Keinen Song könnte ich mir momentan besser auf einem Live-Open-Air vorstellen.
Berührend, mitreißend, Open-Air-Feeling

https://www.youtube.com/watch?v=dCPmk3vKWEM


Hit the Ground Running - Alice Merton (Pop)
Mit ihrem "No Roots" hat die Deutsch-Irin einen riesigen Ohrwurm geschaffen. Doch die Frau kann noch mehr: Hymnen zum Beispiel. Mit ihrem Song "Hit The Ground Running" trifft sie ins Herz - und lädt ihre Zuhörer zum Mitsingen ein. Toller Song!
Mitsing-Garantie, rockig, eingängig

https://www.youtube.com/watch?v=nZafNu7ORXI

Speed of Sound - Coldplay (Pop)
Kaum eine Band kann Hymnen so gut wie Coldplay. "Speed Of Sound" ist nur eines von vielen Beispielen. Warum die Gruppe darin so talentiert ist? Weil sie mit ihren Instrumenten regelrecht in ihre Songs hinein ziehen und dabei mit simplen, aber eindrucksvollen Texten die Menschen bewegen.  Und das Verträumte schadet der Band auch nicht. Absolut stadiontauglich.
Trifft ins Herz, laut, mitreißend

https://www.youtube.com/watch?v=0k_1kvDh2UA

Talking to Myself - Linkin Park (Rock/Pop)
Linkin Park hat schon früh Hymnen geschaffen: "Numb" oder "In the End" haben Menschen schon jahrelang in ihren Bann gezogen - die meisten können diese Songs auswendig, auch wenn sie gar kein Nu Metal mehr hören. Nun ist vor zwei Wochen Sänger Chester Bennington gestorben. Einen Abend zuvor haben sie das Video zu ihrem neuen Song "Talking to Myself" veröffentlicht. Im Nachhinein wirkt er wie ein Nachruf. Und genau deshalb findet sich hier genau dieser Song und kein anderer der Band. Denn durch seine Veröffentlichung ist dieses Lied irgendwie eine Hymne auf den Sänger. Schaut euch auch hier das Video an, lohnt sich!
Bewegend, authentisch, trotzig

https://www.youtube.com/watch?v=lvs68OKOquM

Viel Spaß beim Hören!

Donnerstag, 15. Juni 2017

Meine Ode an... Gewitter!

oder: Was für ein Horror!?

Wenn es von nachtdunkel taghell wird, dann mucksmäuschenstill und anschließend laut knallt, weiß man: Aha, mal wieder Gewitter. Eigentlich ein ganz normales Wetterphänomen. Aber – vermutlich, weil es einfach laut ist und selten – hat sich in der Menschheit eine tiefgreifende Angst davor manifestiert. Und das verstehe ich auch. Mir wird auch immer ein bisschen bange, wenn der Himmel sich zuzieht und die grauen Wolken irgendwie nach Unheil aussehen.

Vor allem gibt es so viele Gerüchte! Wo ist man sicher? Im Haus? Nein, natürlich nicht! Im Auto, weil Faraday’scher Käfig. Weil ich das auch mal so in der Schule gelernt hab, zieht es mich unterbewusst immer in meinen Wagen. Der steht zwar zwei Straßen weiter und ich müsste erst einmal hinlaufen – aber für dieses Sicherheitsgefühl ist es mir wert. Diffus. Wenn ich in der Wohnung bin, stehe ich bei Gewittern aber trotzdem am Fenster. Ich will den Feind im Auge behalten können. Auch wenn ich vor lauter Schiss bei jedem Donner zusammenzucke – irgendwas anderes machen als raus gucken ist emotional schwierig.

Ich sehe nämlich bei Gewittern eine gewisse Ähnlichkeit zu manchen Horrorfilmen. Nehmen wir mal den weißen Hai: Es liegt etwas in der Luft. Alle spüren, das geht nicht gut aus, aber die Angst ist nicht fassbar. Am Himmel ziehen erste Wolken auf (man stelle sich die leise Haimusik vor, die langsam lauter wird). Die Wolken sind dunkel und sehen bedrohlich aus. Aber sind sie das wirklich? Man weiß es nicht. Dadamdadamdadam. Sie kommen näher, sind über einem. Ein kühler Wind zieht mit, immer stärker, die Gefahr wächst, alle spüren es, keiner benennt es – es blitzt. Panik. Donner. Zucken. Vor Schreck, nicht vor Strom.
 
Falk Blümel  / pixelio.de
Und dann diese Hintergrundgeräusche. Es rauscht überall als würden Schnellzüge vorbeifahren, Außendeko klappert laut vor sich hin. Dazwischen: Stille. Gar nichts. Als wäre die Akustik gestorben. Besonders nachts kommt es mir oft so vor, als wären aus Gewittern die besten Ideen für Geisterfilme entstanden.

Jetzt stellt euch mal vor, so ein Wetter zieht auf und ihr seid draußen. Kein Faraday’scher Käfig, sondern nur Flachland und Bäume. Scheiße, oder? Hatte ich auch letztens. Meine Familie um mich herum, die mich beschwichtigen, während ich immer weiter in den Busch wachse, der hinter mir steht. „Wenn der Blitz einschlägt, dann dort hinten“, sagte mein Bruder und deutete auf einen Bauernhof 100 Meter weiter. Ja, okay. Aber schlägt das nicht Funken? Und wieso laufen wir gerade auf dieses Haus zu, um vor dem Regen Schutz zu suchen? Außen, unterm Dach? Mir war mehr als mulmig, als wir unter dem Vorschlag standen und darauf warteten, dass das Gewitter ein wenig abzieht. Sage und schreibe 60 Minuten hat der Spuk gedauert. Ehrlich, das war besser als so manche Achterbahnfahrt. Adrenalin pur. Survivaltraining at its best!


Gerade gewittert es draußen auch. In den letzten Tagen stand die Luft richtig schwül, man hätte sie durchschneiden können. Jetzt zieht frischer Wind auf – auch wenn gefühlt gerade schon die Geisterstunde losbricht, dabei ist es erst viertel vor zwölf. Die sollen sich auch mal an ihre Zeiten halten. Ich hadere die ganze Zeit, meinen Laptopstecker aus der Steckdose zu ziehen. Falls es knallt, dann richtig. Und dann überlegt von der Technik letzten Endes wenig. Aber was ist dann mit Netfl-

Dienstag, 13. Juni 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche ans... Bodyshaming!

...oder: Warum es nicht reicht, die wenigen guten Beispiele loszupreisen!

Vor einigen Jahren war ich Teil einer Showtanzgruppe. Wir hatten verschiedene Mottos, aber eins ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Burlesque.  Wir  kauften den Soundtrack des gleichnamigen Kinofilms, ließen uns Korsagen in den USA maßschneidern und kauften Netzstrumpfhosen, Spitzenshorts und Federn fürs Haar. Weil unsere Trainerin sich einige Showeffekte überlegt hatte, musste eine von uns den Tanz eröffnen. Alleine, im Scheinwerferlicht. Viele trauten sich nicht, also entschied unsere Trainerin, dass ich es machen sollte. Weil ich selbstbewusst bin und mich im Training bewiesen hatte. Bei der Premiere lud ich Freunde, Familie und Bekannte ein, ich fühlte mich so wohl, obwohl das Outfit ziemlich viel Haut zeigte. Auch das Feedback im Anschluss war großartig.

Ein Jahr später, kurz vor meiner schriftlichen Abiturprüfung, hatte ich plötzlich eine Nachricht in meinem Facebook-Account. Ein Mitschüler von mir, der diesen Auftritt damals gesehen - und gelobt - hatte, beleidigte mich aus heiterem Himmel aufs schärfste. Unter anderem fiel  der Satz: "So eine Fettqualle wie du sollte sich schämen, in so einem Outfit vor Menschen aufzutreten." Das saß. Damals haute mich das total aus der Bahn.

Heute, vier Jahre später, sehe ich das völlig anders. Zum einen wiege ich inzwischen fast 20 Kilo mehr als früher und weiß, dass ich damals absolut keine 'Fettqualle' war! Ich war zwar nicht dürr wie eine Bohnenstange, aber ich war schlank. Aber das tut eigentlich nichts zur Sache, denn ich habe bis noch zwei Dinge mehr dazu gelernt: Zum einen weiß ich, dass dieser Typ der größte Idiot war (und es fällt mir schwer, ihn hier nicht namentlich zu nennen, weil so jemand die Bloßstellung eigentlich verdient!), ein Problem mit mir entwickelt hat und mich lediglich davon abbringen wollte, ein gutes Abitur zu schreiben. Was er absolut nicht geschafft hat. Zum anderen - und das ist viel wichtiger: Jeder Mensch, der einen anderen wegen dessen Figur kritisiert und fertig macht, hat weder Aufmerksamkeit noch ein offenes Ohr verdient. Solche Menschen sind charakterlich einfach nur arm.

Das Problem an der ganzen Sache, unabhängig von diesen Idioten, ist: Unsere Gesellschaft ist indirekt darauf gepolt, übergewichtige Menschen auszugrenzen. Insbesondere Frauen bekommen regelmäßig zu spüren, dass sie das Optimum anzustreben haben - und wenn nicht, fallen sie raus, müssen sich demütigen lassen. Das fängt mit Blicken an, die ihnen zugeworfen werden, geht über Jobabsagen bis hin zu Fotos von korpulenten Menschen in Bikinis, die teilweise auf Social-Media-Plattformen gelöscht werden, weil sie angeblich unästhetisch sind. Keiner dieser Kanäle würde das jemals zugeben, weil die Menschen wissen, dass das runtermachen Übergewichtiger verwerflich ist. Aber es herrscht auch Stillschweigen darüber, dass es nicht zu großem Aufsehen sorgt, wenn es doch passiert. Und dieses Verhalten ist heimtückisch.

Vor allem zeichnet sich momentan ein Trend ab, den ich mehr als besorgniserregend finde: Es gibt einige positive Beispiele, die immer wieder in der Öffentlichkeit Erwähnung finden. Aber dahinter steckt eine Spirale, die das ganze nach verschärft.

Hier erst einmal die positiven Bespiele, die mir auffallen:
  • Der aktuellste Anlass: Wenn öffentlich Bodyshaming betrieben wird, ist der Aufschrei erst mal groß - Shitstorms inklusive. Beispiel: Der neue Schneewittchenfilm, dessen Werbeplakat eine korpulente Version der Märchenschönheit zeigt - mit dem Spruch: Was wäre, wenn Schneewittchen nicht länger schön wäre...". Der Eklat war riesig und hält sich seit zwei Wochen in den Medien. 
  • Manche Geschäfte haben inzwischen die regulären Größen erweitert. Esprit beispielsweise. Dort gibt es Klamotten bis Größe 44/XL zu kaufen. 
  • Plus-Size-Models sind im kommen. Auf Laufstegen und in Kampagnen treten immer mehr Frauen auf, die jenseits Size Zero sind. 
  • Spezielle Modelinien haben sich darauf spezialisiert, Kleidung für alle Typen von Frauen herzustellen. Von Größe 34 bis 50 gibt es dieselben Klamotten. Das Ziel: Niemanden mehr auszuschließend und für jeden etwas anzubieten. 
Genau die positiven Beispiele sind in erster Linie natürlich ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings verhalten sich die Medien, als wäre alles revolutioniert. Dabei stecken hinter diesen "Vorreitern" auch ihre Tücken
  • Selbst wenn Geschäfte Größe 44 und mehr anbieten, heißt das nicht zwingend etwas. Ich war vor einem Jahr bei einem dieser Läden und wollte mir für das Bewerbungsgespräch einen schönen neuen Blazer kaufen. Bis dato hatte ich Größe 38, aber weil ich ja zugenommen habe, wusste ich, dass ich es besser mit Größe 40/42 probieren sollte. Das Ergebnis: Selbst Größe 44 hat mir in diesem Geschäft nicht gepasst, obwohl ich Zuhause nach wie vor in Größe-40-Kleidung passe. 
  • Plussize-Models gelten zwar als revolutionär, aber in Interviews kam schon oft genug raus: Plus-Size bedeutet größtenteils Größe 38/40, maximal. Das bedeutet, diese "Übergrößen-Frauen" haben eigentlich eine ganz normale Figur, sind nicht übergewichtig. Sie werden nur von den Medien so dargestellt, was eine riesen Sauerei ist, wenn man es genau nimmt. Denn das zeigt wieder: Normalgewichtige Frauen gelten in unserer Gesellschaft als dick. Eine normale Figur ist also nicht erstrebenswert.
  • Generell: Plus-Size. Alleine die Bezeichnung. Das heißt doch nichts anderes als dass Frauen, die in dieses Schema fallen, keine normalen Größen haben. Dabei sind diese Frauen doch genauso normal wie gertenschlanke, oder?
  • Und: Übergrößen sind nicht im üblichen Sortiment. Sie sind in einer eigenen Abteilung, ähnlich wie Schwangerschaftsmoden. Also: Von der Norm ausquartiert. Und die Auswahl in dieser Abteilung ist lächerlich. Es gibt zehn Oberteile, fünf Hosen und drei Kleider, während Frauen mit üblichen Größen sich vor lauter Kleidervielfalt kaum retten können. 
  • Kleidermarken, die gelobt werden, weil sie ihren gesamten Fundus in nahezu allen Größen produzieren, sind unerschwinglich. Letztens habe ich etwas über eine Bademarke gelesen, die genau diese Linie fährt. Aber das günstigste Teil dieser Marke kostet 100 Euro. Wer kann sich das ganz regulär leisten? 
Ihr seht also: Die positiven Beispiele hinken teilweise enorm. Ja, ein erster Schritt ist gemacht, aber das reicht noch lange nicht. Was aber noch viel mehr stinkt: Durch die Lobpreisung dieser kleinen guten Entwicklung gehen die ganzen Missstände verloren. Und davon gibt es noch genug. So hat sich unter anderem letztens eine Frau auf Facebook beschwert, die nicht gerade schlank sind und sich öffentlich  über das Größenproblem mokieren. Zum Beispiel hat eine Frau mit normaler Figur letztens ein Foto aus einer Umkleidekabine gepostet und darunter geschrieben: Sie hat normalerweise Größe 40, passt dort aber kaum in Größe 44 hinein. Solche Frauen fordern Modeketten dazu auf, ihre Größenpolitik zu ändern.

Was unsere Gesellschaft braucht, ist nicht die Gegenbewegung! Heißt: Nur noch korpulente Frauen in Magazinen abzubilden und Dünne zu kritisieren, bringt keine Lösung. Erst Recht nicht, wenn körperliche Mäkel weiterhin retuschiert werden, denn das bestärkt ja noch das Bild, dass Frauen perfekt sein müssen - nur eben andersrum als bisher. Im Gegenteil: Wir brauchen Authentizität. Zwei Beispiele gefällig? Es gibt eine Modekampagne, bei der nicht mit Photoshop nachgeholfen wurde. Ja, da sieht man Dellen an den Oberschenkeln. Ja, auch die kleinen Speckröllchen der Frau sind sichtbar. Aber: Gut so! Wichtig ist schließlich nicht, ein Optimum festzulegen, sondern allen - und wirklich ausnahmslos allen - Frauen zu vermitteln, dass sie gut sind, wie sie sind. Was mir aber noch besser gefällt - und schon länger existiert - ist die Dove-Kampagne. Knapp zehn Frauen in allen erdenklichen Hautfarben, Figurtypen und natürlich Problemzonen stehen in Unterwäsche da. Genau an diesem Punkt möchte ich auch unsere Gesellschaft sehen: Frauen sollen sich einfach wohlfühlen, wie sie wollen. 

Freitag, 26. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche ans... Berufsanfänger sein!

...oder: Was ich in den ersten fünf Monaten gelernt habe

Jedem von uns steht oder stand es einmal bevor: Der Start in den Job. Das Dumme daran: Niemand weiß so richtig, worauf er achten muss und glaubt, schon klar zu kommen. Dass es nicht so leicht ist, habe ich vor fünf Monaten gemerkt. Damals fing ich meinen Job im Allgäu an. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe und euch mit an die Hand geben kann, lest ihr hier:

Rainer Sturm  / pixelio.de

1. Bereitet euch vor!
Das mag jetzt erst einmal komisch klingen, denn: Wie soll man sich auf die neue Stelle, die erste Stelle vorbereiten? Aber es geht - und es ist wichtig. Ich hatte damals so viel mit Umzugsstress, Weihnachten und Silvester um die Ohren, dass ich wirklich ins kalte Wasser fiel und gar nicht mit den vielen Eindrücken umzugehen wusste. Besser ist: Sich mal mit den eigenen Erwartungen, Hoffnungen, Ängsten auseinander zu setzen. Was will ich von dem Job? Was sollte nicht passieren? Wie möchte ich auftreten? Dann wisst ihr schon mal, wie ihr selbst damit umgehen möchtet. Es hilft zum Beispiel auch, eine Woche vorher mal hinzufahren und sich den Kollegen vorzustellen, falls ihr das noch nicht beim Vorstellungsgespräch gemacht habt. Denn so bekommt ihr schon mal einen Eindruck, was euch erwartet und die Kollegen kennen euch auch schon. Fragt dabei übrigens unbedingt nach einem Dresscode - sonst wird's peinlich. Und zu wissen, wo ihr parken könnt, hilft auch und nimmt euch den Stress am ersten Tag.

2. Seid ihr selbst - in einer Lightversion!
Das mag jetzt hart klingen, aber eure Kollegen kennen euch nicht - und umgekehrt. Nett sein ist schon mal hilfreich, aber Zurückhaltung schadet auch nicht. Beschnuppert euch erstmal, bevor ihr wirklich Kontakte knüpft. Man muss ja erst einmal feststellen, ob Sympathie vorhanden ist. Ich bin damals völlig unbedacht in die Vollen gegangen, war offen und ehrlich - und damit ein bisschen auf die Schnute gefallen. Deshalb testet an den neuen Menschen um euch herum zuerst die Betaversion, um zu testen: Was kommt gut an, was lass ich lieber. Heißt nicht (!), dass ihr euch verstellen sollt. Aber eben zurückhalten, bis ihr merkt, dass ihr im Team ankommt. Dann könnt ihr langsam immer noch die Alphaversion rauslassen.

3. Habt Geduld!
Das Problem mit jeder neuen Stelle, nicht nur der ersten, ist, dass ihr die Neuen seid. Eure Kollegen kennen euch nicht und umgekehrt. Nur weil sie eben schon eingespielt sind, habt ihr das Nachsehen. Auch wenn ihr wisst, dass ihr gut seid in eurem Job und was ihr nicht alles vorab schon gemacht und gelernt habt - euer Team weiß das nicht. Für die seid ihr ein unbeschriebenes Blatt. Und das kränkt das Ego, schließlich bekommen wir dadurch anfangs nur kleine Aufgaben und müssen uns erst beweisen. Was nicht Wochen, sondern Monate dauert! Macht euch in dieser Situation keinen Druck, sondern habt Geduld. Früher oder später seid ihr ein Teil des Teams und eure Arbeit wird Wertschätzung bekommen. Aber das dauert eben.

4. Vernetzt euch!
Nichts ist wichtiger, als Kontakte zu knüpfen. Auch wenn es euch anfangs so vorkommt, dass ihr eine feste Clique vor euch habt, in die ihr nie reinkommt (ähnlich wie in der Schule), hat jeder seine Macken und seine Art zu arbeiten. Manche sind Teamplayer, andere Einzelgänger. Der eine kommt mit dem anderen nicht klar, es gibt im einen Büro wirklich eine Clique, im anderen nicht. Das ist völlig unterschiedlich! Deshalb sprecht mit den Leuten - auch abteilungsübergreifend. So kommt ihr schnell unter Menschen und findet euren Platz. Ich gehe zum Beispiel gerne mit den Sekretärinnen unserer Redaktion oder einer Mediengestalterin in die Mittagspause. So redet man nicht nur über die Arbeit (jeder hat schließlich andere) und der Kopf wird frei.

5. Fragen, nicht verzagen!
Ihr seid Berufsanfänger, also wisst ihr vieles nicht - auch wenn ihr das glaubt (siehe Punkt 3). Deshalb ist es eigentlich völlig korrekt, dass ihr viele Fragen stellt. Lieber einmal zu viel als einen miesen Patzer begehen. Klar, den Nachbarort, den Geschäftsführer oder ähnlichen Kleinkram kann man googeln, aber wichtige Dinge, die euren Arbeitsalltag ausmachen, müsst ihr erfragen. Das steht euch zu und gute Arbeitnehmer freuen sich darüber, wenn ihr euch einbringt, wissbegierig seid und Fragen stellt. Deshalb: Traut euch!

6. Richtet euch ein!
Niemand, wirklich niemand wird dafür sorgen, dass ihr euch wohlfühlt - das könnt nur ihr selbst. Nutzt also die Chance und richtet euren Schreibtisch so ein, wie ihr wollt. Er ist schließlich von euch besetzt und das vermutlich lange (außer natürlich ihr seid Springer oder so). Hängt Postkarten auf, Post-Its oder stellt Fotos hin. Bringt Blumen mit, Porzellanschwäne, was auch immer. Tut auf jeden Fall alles, damit euch euer Arbeitsplatz gefällt, denn dort werdet ihr einen Großteil eurer Zeit verbringen.

7. Nutzt die Pause!
Das mag jetzt seltsam klingen, aber Pausen sind verdammt wertvoll. Viele verbringen sie im Büro, auch ich manchmal. Ich esse dann was, lese ein Buch oder daddel am Handy rum. Aber wirklich erholsam und somit aktivierend ist das nicht. Besser: Geht raus! Spaziert um den Block, holt euch was für unterwegs, quatscht mit Arbeitskollegen. Alles besser als wieder vorm Bildschirm zu sitzen. Denn eine Mittagspause (genau wie ein Wochenende) ist wahnsinnig wertvoll - beides ist kurz. Nutzt es sinnvoll, damit ihr einen freien Kopf bekommt und dadurch gute Arbeit leistet.

8. Feierabend? Abschalten!
Wer arbeitet, verbringt acht Stunden, mit Mittagspause sogar neun Stunden hinterm Schreibtisch. Die wenigen Stunden, die für die Freizeit bleiben - die sich unter der Woche wirklich auf ein Minimum reduziert, gerade für Pendler - solltet ihr ganz für euch nutzen. Das heißt: Füße hoch erlaubt! Aber Vorsicht, denn...

9. Stay social!
...wer wirklich jeden Tag Netflix & Chill betreibt, vernachlässigt irgendwann sein Sozialnetz. Das merke ich auch schon: Manchmal finde ich es einfach anstrengend, mit meinen Freunden zu telefonieren, obwohl es wieder an der Zeit dafür ist. Aber einige Arbeitstage haben es nun mal in sich. Geht trotzdem mindestens einmal in der Woche raus, macht Sport, ruft eben eure Freunde an, trefft euch mit ihnen. Bleibt einfach in Kontakt und erlebt noch etwas! Klingt anstrengend, ist aber hilfreich und gesund.

10. Party Hard? Wohl kaum...
Früher im Studium war feiern gehen nichts außergewöhnliches. Sogar in der Woche hatte ich dafür Energie, denn mein Lebensrhythmus war ein anderer. Ich habe zwar auch gearbeitet und war mit Vorlesungen und Prüfungen betraut, aber das Unregelmäßige daran gibt Energie. Wer jeden Tag acht Stunden vorm PC sitzt oder sich über diese Zeit konzentrieren muss, verliert wahnsinnig viel Energie. Die Pläne, am Wochenende richtig steil zu gehen, klingen auf einmal anstrengend. Vor allem werden die Launen so unberechenbar: Während ich mich Mittwoch noch total aufs Feiern freue, will ich wenige Stunden vorher nur noch meine Ruhe haben. Oder umgekehrt: Ich trinke Freitag ein Glas Wein, quatsche mit Freunden und könnte sofort weiter ziehen. Plant diese Launigkeit für die nächste Party mit ein und verzeiht euch - und euren Freunden - wenn spontan doch die Energie fehlt.

11. Gewöhnt euch einen Biorhythmus an!
So, der letzte Punkt wird spießig klingen, ist aber enorm wichtig: Gewöhnt euch einen Biorhythmus an. Das bedeutet: Immer zur selben Zeit ins Bett, immer zur selben Zeit raus. Ja, richtig, auch am Wochenende. Denn das schenkt euch richtig viel Energie. Geht ihr am Wochenende erst nachts um vier ins Bett (Respekt, wer das als Arbeitnehmer durchhält) und steht am nächsten Tag um zwölf Uhr mittags auf, habt ihr Montag ein Problem. Denn Sonntagabend werdet ihr nicht schlafen können und in der neuen Woche nicht aus dem Bett kommen. Dann lieber am Wochenende auch früher raus (es muss ja nicht sieben Uhr sein wie sonst - acht oder neun Uhr ist schon besser als zwölf, versprochen!).

Dienstag, 23. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das ESC-Debakel!

...oder: Das Experiment.

Am Wochenende hat uns meine Mutter besucht und weil wir früher oft zusammen den Eurovision Song Contest geschaut haben, stand Samstagabend genau das auf dem Programm. Damit das ganze nicht allzu langweilig wird, haben wir jedem Auftritt Punkte gegeben - und daraus hat sich ein ganz nettes Experiment entwickelt. Lest nach:

Der Aufbau:
Man nehme 26 Probanden verschiedener Länder, drei Prüfer unterschiedlicher Altersstufen (23, 32, 56) und fünf Stunden Zeit. Die Prüfer bekommen einen Stift und einen Zettel.

Der Ablauf: Die Prüfer sollen jeden Probanden mit einer Punktzahl von 1 (schlecht) bis 10 (gut) bewerten. Ziel ist, einen Gemeinschaftsfavoriten herauszufinden sowie einen Favoriten für jeden einzelnen Prüfer. Anschließend werden die Favoriten ausgewertet und mit den Gesamtergebnissen des ESC ausgewertet.

Das Ergebnis: 
Die Teilnehmer: Insgesamt überaus langweilig. Kaum einer ist aus der Masse hervorgestochen. Es gab einheitliche Powerballaden, Popsongs und Bühnenshow. Aufgefallen sind uns lediglich sechs der 26 Kandidaten: Einmal waren da die Niederlande mit ihrem dreistimmigen Familiensong, Moldawien mit ihrem Sax-Lied, Italien mit dem Affentanz, Portugal mit ihrer Jazzballade, Rumänien mit ihrer Jodelei und die Ukraine mit ihrer (an diesem Abend ungewöhnlichen) Rocknummer. Der Rest? Irrelevant. Was aber immer wieder auffiel: Viele Songs ähnelten anderen bekannten Liedern. Eins (Künstler schon vergessen) klang stark nach "Humans" von Rag'n'Bones, das Gewinnerlied erinnerte an "Moon River" von Andy Williams aus den 1970er Jahren.

Unsere Favoriten: Die meisten Punkte (20) holte sich von uns Moldawien, weil ihr Song einfach ins Ohr ging und wirklich charttauglich war. Zu den Einzelfavoriten: Meiner Mutter gefielen mit acht Punkten die Niederlande am besten, weil der Song schön emotional war. Meinem Freund gefiel mit sieben Punkten Italien und die Ukraine, jeweils aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit und mir gefiel mit neun Punkten Moldawien am besten.

Der Gewinner: Für uns eine absolute Überraschung, weil er so gar nicht ins Schema passte. Er wirkte bekifft, fühlte sich offensichtlich unwohl auf dem Contest. Das Lied war sehr leise, fast unscheinbar und erinnerte an "Moon River", wie gesagt. Was natürlich ein Grund für den Sieg sein könnte - unterbewusste Beeinflussung... Wer weiß?

Levina: Völlig unscheinbar. Sowohl der Auftritt, das Kleid, der Song. Ein bisschen wie Helene Fischer auf Englisch. Auf jeden Fall nichts, was im Ohr bleibt (oder im Ohr bleiben soll).

Die Analyse: 
Der Gewinner: Wer weiß schon, warum das Publikum und die Jury Salvador Sobral gewählt hat. Vielleicht aus Protest: "Hey, ihr da, macht mal anständige Musik und nicht immer nur dasselbe, sonst wählen wir jedes Jahr so einen Jazz-Typ!" Vielleicht war es tatsächlich das Besondere, das die Zuschauer wollten. Und besonders war Sobral mit seinem Lied auf jeden Fall! Vielleicht wollten sie den authentischsten Teilnehmer zum Sieger küren und auch das war Sobral definitiv. Möglicherweise, und an die Theorie glaube ich ja ganz sicher, wählt das Publikum auch einfach immer den absurdesten Kandidaten. Der, den niemand wirklich erwartet. Wer weiß das schon. Richtig verstehen kann ich es auf jeden Fall nicht. Das mag aber auch damit zusammen hängen, dass beim ESC mit anderen Maßstäben gemessen wird. Mir kommt es immer so vor, als sei dieser Contest ein Paralleluniversum zu den weltweiten Charts. Als würden die Songs gerade mal so hingeklatscht, dass sie zum ESC passen, aber in den jeweiligen Ländercharts keine Chance haben. Beispiel gefällig? Das belgische Lied (Blanche: City Lights) war okay, aber nicht herausragend. Da fehlte etwas. Und so ging es mir bei vielen Songs. Gerade weil eben zahlreiche Lieder klingen, als hätte es sie schon einmal gegeben, fehlt mir da die Qualität. Mein Eindruck kann aber daher kommen, dass Levina vorher völlig unbekannt war. Wer weiß, wie das bei den anderen Künstlern in deren jeweiligen Ländern ist?

Levina: Wenn meine Theorie an dieser Auswahl stimmt, gehören die Verantwortlichen definitiv ersetzt, nur so viel vorweg. Ich glaube nämlich, das deutsche ESC-Team geht nach dem Motto: "Never change a working system". Heißt: Lena ist als Frau alleine auf der Bühne aufgetreten und hat gewonnen. Wieso sollte es diesmal anders sein? Klingt absurd, aber ich habe Argumente. Wen schickte Deutschland denn im Jahr eins nach Lena zum ESC? Richtig: Lena. Gab Platz elf, nicht erfolgreich genug. Also musste wieder (!) eine Castingshow her, bei der wir einen unbekannten Sänger suchen, der uns weltweit (!) vertritt. Roman Lob. Platz acht. Wieder nicht erfolgreich genug. Also: Nahmen wir wieder eine Frau, nur diesmal machte sie elektronische Musik. Cascada machte einen krassen Fall nach unten im Vergleich zu den vorherigen Teilnehmern - Platz 21. Also Abwechslung: Elaiza, eine Frauengruppe mit Folkmukke. Meiner Meinung nach die beste Idee, die sie je hatten, denn dieses Spezielle sucht der ESC ja. Das Ergebnis: Immerhin Platz 18. Weil das aber wieder nur semierfolgreich war, musste wieder das Ursprungskonzept her: Frau, alleine. Also 2015 Ann-Sophie. Zum ersten Mal null Punkte. Die Schlussfolgerung? Nochmal eine Frau, diesmal flippiger, Song aber ähnlich lahm. Jamie-Lee, das Mangamädchen. Wieder letzter Platz. Also? Nochmal eine Frau. Diesmal wieder lenaiger. Natürlich, lieb, nett, begabt. Aber: Platz 25, umgekehrt Platz zwei von hinten. Wie lange braucht das deutsche Team noch, um zu verstehen, dass unser System keine workendes ist?

Fazit:
Der ESC ist veraltet. Zwar wird die Musik immerhin moderner, aber das System hinkt hinten wie vorne. Die Quote sinkt von Jahr zu Jahr (auch wenn sie weltweit noch enorm hoch ist). Das könnte daran liegen, dass Deutschland jährlich einfach so teilnimmt. Ohne Vorentscheid. Wieso alsdo nicht die Regel wieder ändern?  Wieso zahlt nicht jedes Land einfach einen kleinen Bruchteil (ja, das wäre möglich) und jedes Land kann rausfliegen? Das erhöht den Druck und macht das ganze ernst zu nehmender. Und würde somit auch wieder für mehr Interesse sorgen. Woran es bei der Glaubwürdigkeit aber auch hapert: Es heißt Eurovision, also europäisch. Was hat Australien dort verloren? Bzw. wenn schon Australien teilnehmen darf, wieso nicht auch andere Länder weltweit und wir nennen es zukünftig World Vision Songcontest?
Konkret zu Deutschland: Wenn wir schon teilnehmen, dann bitte richtig. Das System sollten doch jetzt alle verstanden haben: Authentizität kommt gut an und  etwas Außergewöhnliches kommt gut an. Warum nicht mal wieder jemanden schicken wie Guildo Horn. La Brass Banda wäre cool, die bieten beides. Oder wirklich mal Helene Fischer. Wenn's gut läuft, begeistert sie ganz Europa, wenn es schlecht läuft, sind wir sie als erfolgreiche Musikerin los (fänd ich ja auch nicht schlecht). Möglichkeiten gäbe es genug. Aber bitte in Zukunft jemand, hinter dem das Land steht - nicht irgendjemand namens Ann-Sophie oder Levina.

Zum Abschluss noch einmal unser Favorit, Platz 3: Das Sunstroke Projekt mit "Hey Mamma". Damit ihr seht: Es gibt Hoffnung...

https://www.youtube.com/watch?v=mvaLAs9cex4

Donnerstag, 4. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... die sprechende Mimik!

...oder warum es echt übel sein kann, wenn einem Gedanken im Gesicht stehen!

Liebe Leser und Leserinnen, ich hab es in den letzten Wochen zeitlich einfach nicht geschafft, hier aktiv zu sein - sorry dafür. Seit ich redaktionell arbeite und täglich schreibe, möchte ich abends oft was anderes machen. Aber ich gelobe Besserung - die Themenpalette liegt schon bereit! 

Bürgerversammlung, 22 Uhr, ich als Presse dort: Die Leute kommen gerade zu Wort und weil ich das Prozedere schon kenne, weiß ich, es ist gleich vorbei, wenn keiner mehr eine Frage hat. In meinem Hinterkopf: Die Heimreise, denn die kostet mich immer rund 45 Minuten. Ich bin also länger unterwegs, so spät. Macht mir erstmal nichts aus, aber wenn die Müdigkeit irgendwann kommt, ist jede Minute im Auto richtig übel. Der letzte Bürger meldet sich also, die Frage wird schnell geklärt, da geht der Bürgermeister wieder zu seinem Laptop und beginnt die nächste Powerpoint-Präsi. Es ist also nicht vorbei. Teil 3 beginnt. Und ich denke ehrlicherweise: Oh. Mein. Gott. Bitte. Nicht. Und lächle freundlich in die Runde. Das soll ja keiner merken. Da stößt mich eine Frau von links an, grinst verschwörerisch und sagt: "Ich weiß, ich weiß, das macht er jedes Mal so." Augenblicklich laufe ich puterrot an. Sie hat es gesehen, in meinem Gesicht. Und damit ist klar: Jeder andere hätte es auch sehen können. Shit. Richtig peinlich.

Wo andere Frauen ein Resting Bitch Face haben, also ein Gesicht, das immer griesgrämig aussieht, habe ich ein Talking Face. Man sieht mir meine Gedanken an. Dummerweise ist mir das erst vor kurzem bewusst geworden. Und das führt zu dem ein oder anderen Problem. Denn wenn ich etwas nicht möchte, unzufrieden oder schlecht gelaunt bin, sieht man das. Wie ein kleines Warnschild auf der Stirn: "Attention, ihre Laune ist xy." Das kann katastrophal sein, denn gerade bei wichtigen Terminen ist das ungünstig - siehe oben.


Thommy Weiss  / pixelio.de
Das funktioniert aber auch mit guter Laune. Und beides kann auch ein Vorteil sein. Ich bin dadurch nämlich gut einschätzbar. Bin ich grummelig, merkt mein Umfeld das und kann mir aus dem Weg gehen. Auch wenn ich Menschen kennen lerne oder Leute nicht besonders mag, ist das erkennbar. Was natürlich auch zu ungünstigen Situationen führt. Stellt euch zum Beispiel vor, ihr trefft in der Stadt jemanden, den ihr nur ungerne ertragt, wenn ihr müsst, und dann hält er euch an und macht Smalltalk. Während die meisten anderen das problemlos mindestens fünf Minuten können, sagt meine Mimik schnell: Lass mich gehen! Bitte! Sympathien - oder eben das Gegenteil - muss ich also nicht erst aussprechen, das klärt sich schnell von selbst. Dank meinem Talking Face. Manchmal unangenehm, aber deutlich.

Das Blöde ist, dass ich daran auch nur schlecht arbeiten kann. Ein Pokerface ist einfach sau schwer. Aber hey, sowas macht ja den Charakter aus, hab ich gehört. Und es ist nicht nur negativ. Außerdem bin ich bestimmt nicht die einzige mit ihrem TF.
;-)

Sonntag, 26. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das Heimatgast sein!

Vergangenes Wochenende habe ich es mal wieder geschafft, nach Mainz zu fahren. Mit Freunden quatschen, weggehen, wieder ein Teil von dem sein, was mir so vertraut war. Und anfangs funktionierte das auch gut. Ich freute mich im Zug riesig darauf, in Mainz anzukommen, wusste auch noch genau, welche Straßenbahn und welchen Bus ich nehmen muss, um dorthin zu kommen, wo ich hin will. Selbst im Rewe am Bahnhof, dem ekligsten Geschäft in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, wurde ich richtig sentimental, weil ich dort aus pragmatischen Gründen einkaufen war. 

Doch auf dem Weg zu einer Freundin in der Straßenbahn mischte sich plötzlich ein anderes Gefühl mit rein: Ich fühlte mich auf einmal etwas fremd. Spätestens als ich an unserer alten Wohnung vorbei fuhr, spürte ich das ganz stark. Mainz war nicht mehr mein Zuhause. Und das traf mich, schließlich habe ich fast drei Jahre dort gewohnt. 

Dabei lag es gar nicht daran, dass sich etwas verändert hätte. Mainz war und ist genauso wie vorher (außer der Großbaustelle in der Bahnhofstraße, aber sowas ist dort nichts Neues). Ich kenne mich noch aus, viele meiner Freunde leben noch dort und ich bekomme auch noch viel mit. Aber es ist eben etwas anderes, ob ich an der Entwicklung in Mainz teilhabe oder ob ich alles aus der Ferne beobachte. Denn letzten Endes war ich am Wochenende dort Gast. Nicht mehr und nicht weniger. Auch wenn mir dort noch vieles vertraut ist. 

Die schöne Mainzer Innenstadt, Neubrunnenstraße.
Foto: Mareike Keiper
Das komische daran ist ja nicht nur, dass mir mein letzter Wohnort immer fremder wird, mein neuer ist mir auch noch nicht vertraut. Wahrscheinlich stört mich das am meisten. Dass ich hier wieder die Gegend erkunden muss, mich an jeder Ecke von Neuem wundere und erst wieder vieles entdecke, ich aber noch nicht angekommen bin. Dieser Zwischenzustand, an keinem Ort richtig Zuhause zu sein, ist ungemütlich. 

Komischerweise habe ich dieses Gefühl bei meiner Heimatstadt nicht. Egal, wie lange ich dort nicht bin, ist es mir jedes mal wieder unheimlich vertraut. Klar, in einer Kleinstadt ändert sich ohnehin weniger. Aber grundsätzlich ist dort immer mein Hafen, mein Zuhause, meine Familie. Auch wenn sich dort etwas verändert, beobachte ich das viel mehr mit Neugierde als mit Schrecken. 

Ich bin mal gespannt, wie das weiter geht. Spätestens, wenn mein Studententicket verfällt und ich mir in Mainz Bus- und Bahntickets kaufen muss, wird mir die Stadt noch fremder sein. Und irgendwann sind vermutlich nur noch kleine, süße Erinnerungen übrig, wenn ich mal wieder Freunde besuche. Aber bis dahin ist, Gott sei Dank, noch Zeit. 

Sonntag, 12. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... alternde Bands!

oder: Warum Linkin Park mir gerade das Herz bricht!

Musik begleitet uns unser Leben lang. Vor allem die Musiker, die sie machen. Manche Bands kennen wir sogar, seit wir klein sind. Und das ist einerseits schön, andererseits aber gefährlich. Denn nicht nur wir werden älter, auch die Musiker. Sie entwickeln sich weiter, genauso wie ihre Musik. Was dabei raus kommt, kann mutig sein, peinlich oder einfach nur grausig.

Denken wir zum Beispiel an die Rolling Stones. Die haben sich in den letzten fünfzig Jahren nicht wirklich verändert. Was bei über 70-Jährigen langsam Mitleid hervorruft. Niemand will sehen, wie ein Opi noch mal Vater wird, weil er dermaßen die Sau raus lässt. Musikalisch ist das vielleicht ganz nett, aber irgendwann fährt für jeden mal der Zug ab.

Eine der Bands, die das älter werden gut hinbekommen hat, sind die Red Hot Chili Peppers. Ihr Stil hat sich ständig gewandelt, aber verloren haben sich die Kalifornier nie. Auch wenn sie sich neu erfunden haben oder experimentiert. Ich kann sie noch guten Gewissens hören und erkenne sie nicht nur bei alten Songs, was an der ganzen Band liegt, nicht ausschließlich an Sänger Anthony Kiedis.

Doch es kann auch in eine ganz andere Richtung gehen. Statt peinlich oder stilsicher wird es jetzt grausig und - zumindest für mich - traurig. Denn eine Band hat sich dermaßen verändert, dass es mir das Herz bricht: Linkin Park. Damit ihr mich versteht, erkläre ich euch hier ein bisschen den Hintergrund.

1996 gegründet, brachten die sechs Amerikaner 2000 ihr erstes Album, "Hybrid Theory" auf den Markt. Der Stil: Harter Rock gemischt mit aggressivem Rap, Stilrichtung Nu Metal, die die Band mitunter ins Leben rief. Die Themen: Depressionen, schlechte Menschheit, alles scheiße. Oder: Wut. So könnte man es am besten zusammenfassen. Ein Beispiel: "In the End".

https://www.youtube.com/watch?v=eVTXPUF4Oz4

Zwei Jahre später veröffentlichten sie "Meteora". Der Stil ist ähnlich, teils schneller, teils professioneller aufgenommen. Aber insgesamt genauso gut. Aus dem Album stammen Lieder wie "Numb" oder "Faint", die auf jeden Rockparty laufen:

https://www.youtube.com/watch?v=kXYiU_JCYtU

Auch optisch erkennt man, was die Band damals aussagen wollte. Alle sehen locker aus, leger, bodenständig. In ihren Videos treten sie wütend auf, bunt gefärbte Haare, Bart, grimmige Grimassen. Sie lassen in den Songs alles raus - Beziehungen werden verarbeitet, Idioten bekommen ihre Abrechnung, es wird an der Identität gefeilt. Kurzum: Hört man eines der beiden ersten Alben, verarbeitet man automatisch mit. Man lässt alles raus, bis sich der Nebel verzieht und die Sonne wieder scheint.

Ich war in meiner Teeniezeit ein absoluter Fan der Band. Ist etwas Blödes vorgefallen, brachte mich die Musik erst rauf und dann runter. Ich kann, zugegeben etwas peinlich, bis heute alle Texte des ersten und zweiten Albums mitsingen - und rappen. Jeden Song.

Das Zwischenprojekt mit Jay-Z war komisch, aber verzeihbar. Immerhin waren das Songs der Band, die nur mit Hip-Hop aufgemischt wurden. Etwas ähnliches hatten sie selbst schon mit dem Remix-Album "Reanimiation" Jahre zuvor getan. Und Hip-Hop gehört eben zur Band dazu, schließlich rappen sie auch.

Aber weiter in der Geschichte. 2006 erschien ihr drittes Album, "Minutes to Midnight". Kurze Anekdote: Mein Vater fuhr mich in den CD-Laden, damit ich es direkt am Erscheinungstag kaufen konnte. Mit popeligen 14 Jahren. Ich hatte meinen tragbaren CD-Player dabei, um die neuen Songs direkt zu hören. Als ich das Album anmachte und zuhörte, bekam mein Herz einen ersten Knacks. Denn das war nicht mehr mein Linkin Park. Auch wenn manche Songs noch ganz gut waren.
Linkin Park wollte sich nämlich neu erfinden. Statt aggressiven Songs mit Rap-Parts, sang nun auch der Rapper. Der Stil wurde poppiger, die Wut war weg. Zumindest war sie sehr viel weniger geworden. Um euch ein Bild davon zu verleihen, hier der bekannteste Song "What I've Done":

https://www.youtube.com/watch?v=8sgycukafqQ

Von da an nahm mein Interesse an der Band ab. Aber bei jedem neuen Album brach mein Herz ein Stück weiter. Denn was die Band ausgemacht hatte, womit sie erfolgreich geworden war, fiel stetig weg: Wut, Melancholie, Verbitterung. Dinge, die wirklich nicht gut für die Menschen sind, die aber sehr gut tun, wenn man selbst in einer misslichen Situation steckt oder sich mies fühlt. Stattdessen wurde die Gruppe sehr viel erfolgreicher mit Poprock. Mit Musik also, die so viele andere Bands so viel besser können. Beispiel: "Burn it Down".

https://www.youtube.com/watch?v=dxytyRy-O1k

Heute tragen die Männer enge Skinny-Jeans, Lederjacken, sind durchgestylt von oben bis unten. Tokio Hotel aus Amerika in einer älteren Version, so in etwa. Und obwohl die Masse inzwischen die Band kennt, lässt sich zum Beispiel aus Spotify lesen, dass die alten Songs, "Numb" oder "In the End" noch immer am erfolgreichsten sind. Die hören die Leute heute noch. Die Popsongs werden schneller vergessen sein.

Aus dem bisher neuesten Album, "The Hunting Party", kenne ich kein einziges Lied mehr. Obwohl ich viel Radio höre. Dabei rockte die Band wieder mehr. Wozu entschieden sie sich? Noch poppiger werden! Und genau das ist auch der Anlass für diesen Eintrag. Gestern im Radio habe ich ein Lied gehört, das ganz nett klang. Trauriger Pop mit feiner Frauenstimme. Ich schaute nach, von wem der Song war und fiel vom Stuhl: Linkin Park. Die ein Lied machen, das absolut nichts mehr mit Nu Metal zu tun hat. Und deren Feature-Sängerin noch ein Jahr jünger ist als ich, dabei sind die Herren inzwischen Mitte 40! Hier ist das gute Stück "Heavy":

https://www.youtube.com/watch?v=5dmQ3QWpy1Q

Ich weiß, das klingt verbittert und böse - wie die alten Songs der Band. Aber dass sich meine frühere Lieblingsband so verkauft, um Erfolg zu haben, schmerzt. Noch mehr schmerzt, dass der Ursprung, der Kern der Musik völlig verschwunden ist. Was natürlich auch am Alter liegt, um wieder zum eigentlichen Thema zurück zu kommen. Schließlich hatten alle mit einer harten Jugend zu kämpfen, wie jeder von uns. Dass die Wut verschwindet, wenn man eine Familie gründet und dass man ruhiger wird, wenn man altert, verstehe ich auch. Aber sich so von sich selbst weg zu entwickeln? Nee, da hört's auf. 

Ich jedenfalls hab mit Linkin Park abgeschlossen. Und höre lieber die Rolling Stones. Oder die alten Songs. 

Samstag, 4. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... Smartphones!

Oder: Warum Entzug manchmal ganz gut tut


Erwin Lorenzen  / pixelio.de
Eigentlich habe ich immer behauptet, ich sei nicht smartphonesüchtig. Ich war mir sogar sicher, denn ich bin niemand, der alle fünf Minuten drauf schaut, um zu sehen, was es Neues gibt. Stattdessen habe ich es immer bei mir, gehe ran, wenn jemand anruft, schaue nach, wenn mir jemand schreibt oder checke gelegentlich die Nachrichten. Habe ich mehr Zeit, spiele ich auch mal was. Aber im Großen und Ganzen ist das harmlos. Aber wenn wir ehrlich sind, ist das Quatsch. Jeder, der ein Smartphone besitzt, ist gewissermaßen abhängig. Alleine schon durch die ständige Erreichbarkeit. Auch wenn ich es nicht allzu oft nutze, freue ich mich, jemanden anrufen zu können, falls es nötig wird oder die Nachrichten checken zu können. Und eine regelrechte Automatismushandlung ist, das Handy vor der Arbeit in die Hosentasche zu stecken, damit es dabei ist.

Aber dann kam Tag X - gestern. Der erste Tag, seit ich ein Handy besitze, an dem ich es gnadenlos zu Hause vergaß. Das ist mir noch nie passiert! Die Erklärung liegt sogar nahe: Ich hatte nach langer Zeit mal wieder ein Kleid an. Das keine Taschen hat. Wohin also damit? Normalerweise werfe ich es in meine Handtasche, aber gestern blieb es liegen.

Was folgte war ein Tag, den ich euch nicht vorenthalten will:

8:45 Uhr: Ich bin spät dran, komme aus dem Bad, schlüpfe in meine Stiefel, greife mir hektisch meine Handtasche und mache mich auf den Weg zum Auto.

8:50 Uhr: Ich komme zum Auto, setze mich rein und suche eine gute CD raus, bevor ich losfahre.

9:30 Uhr: Ich suche einen Parkplatz, finde einen, ärgere mich, dass ich so spät bin und laufe zur Redaktion.

9:40 Uhr: Ich stehe vor der Redaktion, an der Eingangstür und mich trifft der Schlag: Mein Handy liegt Zuhause. Das glaube ich zumindest. Der Schock spüre ich bis ins Mark. Ich gehe rein und bin völlig ungläubig. Wie konnte mir das passieren?

9:50 Uhr: Bin noch immer ungläubig. Ich öffne meine Handtasche und suche sie ab. Tatsächlich, es ist nicht dabei. In meinem Kopf spielt sich folgendes Szenario ab: Handy liegt einsam im Bett und wartet auf Gesellschaft. Zwischendrin vibriert es, aber niemand sieht nach, wer anruft oder schreibt.
Schock Nummer zwei: Was ist, wenn jemand WICHTIGES anruft?! Und ich nicht dran gehen kann? Pulsschlag erhöht sich. Habe Mitgefühl mit meinem einsamen Handy und frage mich, wie ich diesen Tag ohne überstehen soll. Ich versuche mich zu beruhigen, indem ich mir sage, dass ich es sonst auch nicht so häufig nutze. Höchstens in der Mittagspause oder wenn sich jemand Wichtiges meldet. Es hilft.

10:30 Uhr: Redaktionskonferenz ist vorbei. Ich habe viel zu tun, gehe zu meinem Schreibtisch und leg los. Das Smartphone gerät in Vergessenheit.

11:45 Uhr: Ich will einen Blick auf mein Handy werfe, ob es etwas Neues gibt. ABER ES IST NICHT DA! Wieder kurze Panikattacke. Endlich verstehe ich es, warum sich Menschen ohne Handy nackt fühlen. Mir kommt der Gedanke, was mein Freund denkt, wenn ich ihm den ganzen Tag nicht antworte. Es beunruhigt mich. Ich erzähle meinem Kollegen von meinem Missgeschick und er lacht mich aus. Ich komme mir armselig vor.

12:35 Uhr: Mittagspause. Ich lese eine Zeitschrift und esse Obst. Trotz der leeren Zeit vermisse ich das Smartphone gerade nicht. Bin ja beschäftigt.

13:00 Uhr: Wieder genug zu tun. Alles wird gut. Der halbe Tag ohne Handy ist überstanden. Puh.

14:30 Uhr: Bin erleichtert, wie gut ich das wegstecke. Denke an die Heimfahrt und das Wochenende, das auf mich wartet. Auf einmal der Gedanke - mein Puls steigt: Sollte ich einen Unfall haben, kann ich keinen Notruf holen! Und wenn winke, denken andere Autofahrer, ich sei ein krimineller Tramper! Gott sei Dank ist heute Morgen nichts passiert! Puh. Puls normalisiert sich wieder. Aber die Heimfahrt heute Abend! Wenn da was ist!! Ich werde einsam im Straßengraben vor mich hinsiechen. Hundertpro. Puls steigt ins Unermessliche! Ich beschließe, heute Abend mit 50 Stundenkilometern über die Straße zu schleichen. Sicher ist sicher.

15:45 Uhr: Noch immer genug zu tun. Fühle mich leicht gestresst, aber das gibt mir Energie! Ablenkung ist super und die Arbeit macht auch noch richtig Spaß! Die gute Laune kehrt zurück.

16:30 Uhr: Wieder denke ich an mein Handy und suche es gedanklich. Ist es wirklich auf dem Bett? Ich hab es doch wohl nicht unterwegs verloren? Bin ich paranoid? Keine Ahnung. Es wird sich schon finden. Der Vibrationsmodus ist an, ich kann es notfalls anklingeln. Ob mein Freund verstanden hat, dass ich es einfach vergessen habe?

17:30 Uhr: Feierabend! Wochenende! Ich mache mich auf den Weg zum Auto und bin tiefenentspannt. Das mit dem 50-km/h-Schleichen hab ich mir noch mal überlegt. Ich fahr ganz normal, was soll schon anders sein als sonst? Hoffe, mein Freund hat sich keine Sorgen gemacht.

18:10 Uhr: Komme nach Hause. Handy lag auf dem Bett. 14 Nachrichten, ein Anruf, 7 Mails. Gute Bilanz. Greife es mir und antworte (peinlicherweise, bevor ich meinen Freund begrüßt habe - könnte ja wichtig sein). Bin stolz, den Tag gut überstanden zu haben. Trotzdem: Das passiert mir hoffentlich nicht mehr!

Fazit: Klar bin ich süchtig. Nicht nach den Funktionen, sondern nach den Optionen. Denn die Möglichkeit, mal eben zu schreiben, und sei es ein Smiley an den Freund, macht doch viel aus. Und wichtige Anrufe können durchaus auch mal gerade dann kommen, wenn das Handy Zuhause liegt. Aber - und das ist wichtig - wir sollten uns da alle mal ein bisschen entspannen. Denn das Handy ergänzt unser Leben und macht es nicht aus!

Freitag, 3. März 2017

Welcome to Bavaria! Fasching

Oder: Warum Flucht nicht immer die beste Lösung ist!


Ich bin ein Faschingsmuffel. Und das kommt nicht von ungefähr, denn diese Abneigung kam erst. Kein Wunder, wenn man aus einer Region kommt, in der Fasching maßloses Ausrasten bedeutet. Das war auch einer der Gründe, warum ich guten Gewissens nach Bayern gezogen bin. Denn diese paar Tage – Altweiberfasching bis Faschingsdienstag – waren in Mainz nicht zu ertragen. Vor allem Rosenmontag forderte jährlich von mir einen starken Geduldsfaden. Hunderte Menschen, nein, Tausende, pendeln in die Landeshauptstadt, verkleidet und sturzbetrunken (morgens um zehn Uhr) und bevölkern jede Straße. Nirgendwo war man sicher. Vor lauter Musik, Gesinge und zugespeihten Straßen. Wirklich nicht schön. Einkaufen oder normale Aktivitäten konnte man Rosenmontag vergessen. Selbst Zuhause sein und nichts tun war nahezu unmöglich.

Deshalb blieben eigentlich immer genau zwei Optionen: Mitmachen – wofür man einen gewissen Alkoholpegel braucht, sonst fühlt man sich wie ein Alien – oder Flucht. Meistens machte ich mit. Ich verkleidete mich (an den meisten Rosenmontagen war es eiskalt, also mussten unter das Kostüm noch drei Schichten Pulli, Unterhemd und Strumpfhosenleggins, ich sah also nicht nur aus wie ein Rotkäppchen, Cowgirl, Indianer, sondern auch jedes Mal wie das Michelinmännchen). Letzten Endes fror ich trotzdem fürchterlich. Denn auch wenn der Zug offiziell um 11.11 Uhr beginnt, verzögert sich oft alles. Heißt, man kommt um 10 Uhr, um einen guten Platz zu bekommen, wartet aber unweigerlich bis mindestens 12 Uhr, bis der Umzug an einem vorbeizieht. Und dann geht dieser Umzug auch noch vier Stunden. Also bis 16 Uhr Minimum. In der Zwischenzeit hat man natürlich den mitgebrachten Alkohol vernichtet und pegelt vor sich hin. Wie gesagt, alles andere ist nahezu unmöglich, denn man erträgt Wahnsinn nur durch mindestens genauso viel Wahnsinn. Anschließend zog es alle in Richtung Höfchen oder Schillerplatz, denn dort findet die Rosenmondnacht statt. Zu lauter Musik – von Charts bis Schlager (ja, auch „An Rosenmontag bin ich geboren“ und „Das rote Pferd“ sind dabei) – feiert die betrunkene Horde bis tief in die Nacht. Im Kostüm.

Vor zwei Jahren sind wir nach Hause geflohen. Was nötig war. Denn mit wenig Alkohol nervt einen irgendwann die Rücksichtslosigkeit der Narren. Aber auch da keine Ruhe. Stattdessen wummerte in der Dönerbude unter dem Haus der fette Elektrobass, bis tief in die Nacht hinein. Seitdem ist mir klar: Ich hasse Fasching. Ich möchte wirklich meine Ruhe. Keine Sauforgien, keine betrunkenen Irren, die sich verkleiden, und keine laute Schunkelmusik.

gänseblümchen  / pixelio.de

Deshalb mein Hoffnungsfunke: In Bayern gibt es das nicht! Ha! Da hab ich tatsächlich Ruhe, kann arbeiten gehen. Ein ganz normaler Tag! Juhu! Aber ganz so leicht ist es dann doch nicht. Denn es gibt auch hier den Fasching. Kleine Umzüge, vorwiegend am „glumpigen Donnerstag“ oder am Faschingsdienstag. Außerdem Faschingsbälle, aber nur vereinzelt Kappesitzungen (die ich immer noch am besten fand).

Und der Höhepunkt: Da ich aus Mainz komme, muss ich mitmachen. Ich darf Rathausstürmungen und Faschingsumzüge ansehen und schreiben. Ich war sogar auf dem Faschingsumzug in meinem Arbeitsort eingeplant worden, denn unsere Redaktion ging mit. Noch besser: Ich wurde abgelichtet und bin auf der lokalen Seite 1 auf einem Foto zu sehen. Bei einem Faschingsumzug. In Bayern.

Aber es gibt auch etwas Schönes daran. Wir hatten sommerliche 18 Grad und der Umzug ging bloß eine halbe Stunde. Und jetzt ist Fasching zum Glück erst einmal vorbei. Auch in Bayern.


PS: Als ich Dienstag auf einem kleinen Umzug stand, das muss ich jetzt noch zugeben, und ihn mir ansah, um darüber zu schreiben, wurde mir auch plötzlich ganz schwer ums Herz. Denn dieses war das erste Jahr, an dem ich nicht in meiner Heimat war, an dem ich mich nicht über die Mainzer Narren ärgerte oder mit in der Menge stand. Da hatte ich schon ein bisschen Pippi in den Augen. 

Sonntag, 12. Februar 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... Big Data!

...Oder: Warum mir die Zukunft Sorgen macht.

Es ist mir schon öfter passiert, aber diese Woche ist es mir enorm aufgefallen. Ich war auf der Suche nach ein paar Sneakern. Weil ich wenig Zeit habe, in die Läden zu gehen (und mich das auch immer tierisch nervt), habe ich online gesucht. Ich habe drei Portale geöffnet, mich umgesehen und bin auf dem dritten fündig geworden. Schuhe in den Warenkorb, bestellt, fertig.


setcookie  / pixelio.de
Nicht mal einen Tag später, beim Nachrichten lesen auf Zeit.de, bekomme ich Werbung angezeigt. Von genau diesen drei Onlineshops mit genau den Sneakern, die ich mir angesehen habe. Und, wie gesagt, das passiert mir nicht zum ersten Mal. Und auch nicht nur nur mit Onlineeinkäufen.

Genau das und noch viel mehr ist Big Data. Das Prinzip dahinter ist, dass Onlineseiten, darunter die Größen Facebook und Google, Informationen über alle Menschen, die online sind, sammeln. Unsere E-Mail-Adresse, unser Geschlecht, unser Alter, unseren Wohnort. Das, was wir beim Registrieren angeben. Dazu noch, was wir online machen und ansehen (kennt ihr die Meldung, dass Cookies gesammelt werden? Genau damit wird unser Onlineverhalten aufgezeichnet). Das Ergebnis: Uns wird spezifisch genau dasangeboten, was uns interessiert. Ein klassisches, ursprüngliches Beispiel ist Amazon. "Wer das kauft, kauft auch das." Und man bekommt direkt Vorschläge für weitere Käufe. Inzwischen greift das alles noch viel weiter. Zum Beispiel über mehrere Seiten. Facebook schaltet Werbung für eine Seite, die ich mir einmal aus Neugierde angeschaut habe.

Ein Kollege meinte die Woche zu mir, das sei eigentlich cool. Weil man nicht mehr mit einem riesigen Informationsmüll zugeschüttet, sondern gezielt informiert wird.
Stimmt einerseits. Die technische Entwicklung ist enorm und entsprechend beeindruckend.

Aber, wenn ich mir das ganze genauer angucke, ist Big Data gruselig. Und gefährlich.
Warum?

1. Big Data fördert den Konsum
An unserer Gesellschaft werden immer wieder Stimmen laut, die den Kommerz kritisieren. Gerade junge Menschen geben gern Geld aus, statt zu reparieren wird neu investiert. Und neue Werte wie Umweltschutz, Achtsam- und Sparsamkeit kommen als Gegenentwurf auf. Big Data ist aber genau das Gegenteil davon, denn die personalisierte Werbung zeigt uns genau das, was wir wollen. Bekommen wir normale Werbung gezeigt, können wir selbst filtern, was uns interessiert. Hier interessiert uns aber nahezu alles, was uns der Algorithmus nebenbei präsentiert. Wir kaufen also mehr. Wird das ganze in den nächsten Jahren noch auf die Spitze getrieben, zum Beispiel indem wir zu dem gekauften Oberteil die passende Hose präsentiert bekommen, nimmt das sogar noch zu. Und wir geben mehr Geld aus als wir wollten.

2. Unser Informationsfluss wird beschränkt
Gehen wir mal vom einfachsten Beispiel aus: Wir wollen dieses Mal keine langweiligen Sneaker, sondern ein paar ausgefallene Schnürschuhe kaufen. Da wir beim letzten Mal nach Sneakern gesucht haben, werden uns überwiegend Sneaker angezeigt. So denkt der Algorithmus. Er mag keine Überraschungen. Und so finden wir immer wieder das, was wir ohnehin mögen. Die Perspektive wird eingeengt. Doch es wäre ja schön, wenn das nur die Werbung betrifft. Es geht nämlich noch weiter. Auch die Nachrichten werden vorgefiltert. Suchen wir mehrmals für ein Referat nach der Partei FDP, bekommen wir zukünftig eher Nachrichten, die in diese Richtung tendieren. Denn auch da wird uns nur angezeigt, was unseren Vorlieben entspricht. Und das sorgt erschreckenderweise dafür, dass wir nur noch einen Teil der Wirklichkeit präsentiert bekommen - den, den wir sehen möchten.
So etwas führt dann auch mal dazu, dass ein Donald Trump US-Präsident wird.
PS: Es kann helfen, regelmäßig die Cookies zu löschen. Dann werden gespeicherte Angaben auf Onlineseiten wieder gelöscht.

3. Man nehme die Daten...
...und gebe sie in die falschen Hände. Big Data bedeutet, dass Daten über uns gesammelt werden. Da sind harmlose Sachen wie die Info, was wir online eingekauft haben. Aber auch kritische Infos, wie unser Wohnort, wo wir Nachrichten lesen und sonstiger Kram, den eigentlich niemand etwas angeht. Und kommt mir jetzt nicht mit: Ich geb niemals meine Adresse an! Doch, tust du, zum Beispiel zum Shoppen. Die müssen ja das Paket zustellen.
Beobachtet man jedenfalls die Entwicklung, die die Politik und die Gesellschaft gerade macht, dauert es im Worst Case nicht mehr lange, bis wir keine Demokratie mehr haben, sondern wieder eine Diktatur. Und wenn wir kurz an die letzte Diktatur in unserem Land zurückdenken, die DDR, fällt mir zuallererst die Stasi ein. Die Informationen über die Menschen gesammelt hat, um sie festzunageln. Damals lief das noch per Denunziation, heute über Big Data. Das mag im ersten Moment nur halb so wild klingen, aber ist letzten Endes der Horror schlechthin. Je nachdem, welche Minderheiten ausgegrenzt werden, ist man schneller dran, als man denkt. Beispiel gefällig? Du bist Muslim und in einer Muslim-Community. Dann weiß man ziemlich viel über deine Religion. Du bist homosexuell und schaust online Pornos? Das wissen sie dann auch. Oder, ganz harmlos, du bist im Geiste ein Hippie und legst dich auf Facebook regelmäßig mit Nutzern an, die rechtspopulistisch rumpöbeln? Dann wirst du bei einer rechten Diktatur dran sein. Nur anhand der Dinge, die du irgendwann mal online getan hast. Selbst, wenn du und ich jetzt auf unser Onlineverhalten aufpassen würden - der Zug ist längst abgefahren.

Big Data ist also wirklich nicht ohne! Aber letzten Endes ist es ein richtig guter Grund, weiterhin für eine Demokratie zu sein und sich dafür einzusetzen. Damit wir alle weiterhin frei sind. Auch online.