Donnerstag, 15. Juni 2017

Meine Ode an... Gewitter!

oder: Was für ein Horror!?

Wenn es von nachtdunkel taghell wird, dann mucksmäuschenstill und anschließend laut knallt, weiß man: Aha, mal wieder Gewitter. Eigentlich ein ganz normales Wetterphänomen. Aber – vermutlich, weil es einfach laut ist und selten – hat sich in der Menschheit eine tiefgreifende Angst davor manifestiert. Und das verstehe ich auch. Mir wird auch immer ein bisschen bange, wenn der Himmel sich zuzieht und die grauen Wolken irgendwie nach Unheil aussehen.

Vor allem gibt es so viele Gerüchte! Wo ist man sicher? Im Haus? Nein, natürlich nicht! Im Auto, weil Faraday’scher Käfig. Weil ich das auch mal so in der Schule gelernt hab, zieht es mich unterbewusst immer in meinen Wagen. Der steht zwar zwei Straßen weiter und ich müsste erst einmal hinlaufen – aber für dieses Sicherheitsgefühl ist es mir wert. Diffus. Wenn ich in der Wohnung bin, stehe ich bei Gewittern aber trotzdem am Fenster. Ich will den Feind im Auge behalten können. Auch wenn ich vor lauter Schiss bei jedem Donner zusammenzucke – irgendwas anderes machen als raus gucken ist emotional schwierig.

Ich sehe nämlich bei Gewittern eine gewisse Ähnlichkeit zu manchen Horrorfilmen. Nehmen wir mal den weißen Hai: Es liegt etwas in der Luft. Alle spüren, das geht nicht gut aus, aber die Angst ist nicht fassbar. Am Himmel ziehen erste Wolken auf (man stelle sich die leise Haimusik vor, die langsam lauter wird). Die Wolken sind dunkel und sehen bedrohlich aus. Aber sind sie das wirklich? Man weiß es nicht. Dadamdadamdadam. Sie kommen näher, sind über einem. Ein kühler Wind zieht mit, immer stärker, die Gefahr wächst, alle spüren es, keiner benennt es – es blitzt. Panik. Donner. Zucken. Vor Schreck, nicht vor Strom.
 
Falk Blümel  / pixelio.de
Und dann diese Hintergrundgeräusche. Es rauscht überall als würden Schnellzüge vorbeifahren, Außendeko klappert laut vor sich hin. Dazwischen: Stille. Gar nichts. Als wäre die Akustik gestorben. Besonders nachts kommt es mir oft so vor, als wären aus Gewittern die besten Ideen für Geisterfilme entstanden.

Jetzt stellt euch mal vor, so ein Wetter zieht auf und ihr seid draußen. Kein Faraday’scher Käfig, sondern nur Flachland und Bäume. Scheiße, oder? Hatte ich auch letztens. Meine Familie um mich herum, die mich beschwichtigen, während ich immer weiter in den Busch wachse, der hinter mir steht. „Wenn der Blitz einschlägt, dann dort hinten“, sagte mein Bruder und deutete auf einen Bauernhof 100 Meter weiter. Ja, okay. Aber schlägt das nicht Funken? Und wieso laufen wir gerade auf dieses Haus zu, um vor dem Regen Schutz zu suchen? Außen, unterm Dach? Mir war mehr als mulmig, als wir unter dem Vorschlag standen und darauf warteten, dass das Gewitter ein wenig abzieht. Sage und schreibe 60 Minuten hat der Spuk gedauert. Ehrlich, das war besser als so manche Achterbahnfahrt. Adrenalin pur. Survivaltraining at its best!


Gerade gewittert es draußen auch. In den letzten Tagen stand die Luft richtig schwül, man hätte sie durchschneiden können. Jetzt zieht frischer Wind auf – auch wenn gefühlt gerade schon die Geisterstunde losbricht, dabei ist es erst viertel vor zwölf. Die sollen sich auch mal an ihre Zeiten halten. Ich hadere die ganze Zeit, meinen Laptopstecker aus der Steckdose zu ziehen. Falls es knallt, dann richtig. Und dann überlegt von der Technik letzten Endes wenig. Aber was ist dann mit Netfl-

Dienstag, 13. Juni 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche ans... Bodyshaming!

...oder: Warum es nicht reicht, die wenigen guten Beispiele loszupreisen!

Vor einigen Jahren war ich Teil einer Showtanzgruppe. Wir hatten verschiedene Mottos, aber eins ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Burlesque.  Wir  kauften den Soundtrack des gleichnamigen Kinofilms, ließen uns Korsagen in den USA maßschneidern und kauften Netzstrumpfhosen, Spitzenshorts und Federn fürs Haar. Weil unsere Trainerin sich einige Showeffekte überlegt hatte, musste eine von uns den Tanz eröffnen. Alleine, im Scheinwerferlicht. Viele trauten sich nicht, also entschied unsere Trainerin, dass ich es machen sollte. Weil ich selbstbewusst bin und mich im Training bewiesen hatte. Bei der Premiere lud ich Freunde, Familie und Bekannte ein, ich fühlte mich so wohl, obwohl das Outfit ziemlich viel Haut zeigte. Auch das Feedback im Anschluss war großartig.

Ein Jahr später, kurz vor meiner schriftlichen Abiturprüfung, hatte ich plötzlich eine Nachricht in meinem Facebook-Account. Ein Mitschüler von mir, der diesen Auftritt damals gesehen - und gelobt - hatte, beleidigte mich aus heiterem Himmel aufs schärfste. Unter anderem fiel  der Satz: "So eine Fettqualle wie du sollte sich schämen, in so einem Outfit vor Menschen aufzutreten." Das saß. Damals haute mich das total aus der Bahn.

Heute, vier Jahre später, sehe ich das völlig anders. Zum einen wiege ich inzwischen fast 20 Kilo mehr als früher und weiß, dass ich damals absolut keine 'Fettqualle' war! Ich war zwar nicht dürr wie eine Bohnenstange, aber ich war schlank. Aber das tut eigentlich nichts zur Sache, denn ich habe bis noch zwei Dinge mehr dazu gelernt: Zum einen weiß ich, dass dieser Typ der größte Idiot war (und es fällt mir schwer, ihn hier nicht namentlich zu nennen, weil so jemand die Bloßstellung eigentlich verdient!), ein Problem mit mir entwickelt hat und mich lediglich davon abbringen wollte, ein gutes Abitur zu schreiben. Was er absolut nicht geschafft hat. Zum anderen - und das ist viel wichtiger: Jeder Mensch, der einen anderen wegen dessen Figur kritisiert und fertig macht, hat weder Aufmerksamkeit noch ein offenes Ohr verdient. Solche Menschen sind charakterlich einfach nur arm.

Das Problem an der ganzen Sache, unabhängig von diesen Idioten, ist: Unsere Gesellschaft ist indirekt darauf gepolt, übergewichtige Menschen auszugrenzen. Insbesondere Frauen bekommen regelmäßig zu spüren, dass sie das Optimum anzustreben haben - und wenn nicht, fallen sie raus, müssen sich demütigen lassen. Das fängt mit Blicken an, die ihnen zugeworfen werden, geht über Jobabsagen bis hin zu Fotos von korpulenten Menschen in Bikinis, die teilweise auf Social-Media-Plattformen gelöscht werden, weil sie angeblich unästhetisch sind. Keiner dieser Kanäle würde das jemals zugeben, weil die Menschen wissen, dass das runtermachen Übergewichtiger verwerflich ist. Aber es herrscht auch Stillschweigen darüber, dass es nicht zu großem Aufsehen sorgt, wenn es doch passiert. Und dieses Verhalten ist heimtückisch.

Vor allem zeichnet sich momentan ein Trend ab, den ich mehr als besorgniserregend finde: Es gibt einige positive Beispiele, die immer wieder in der Öffentlichkeit Erwähnung finden. Aber dahinter steckt eine Spirale, die das ganze nach verschärft.

Hier erst einmal die positiven Bespiele, die mir auffallen:
  • Der aktuellste Anlass: Wenn öffentlich Bodyshaming betrieben wird, ist der Aufschrei erst mal groß - Shitstorms inklusive. Beispiel: Der neue Schneewittchenfilm, dessen Werbeplakat eine korpulente Version der Märchenschönheit zeigt - mit dem Spruch: Was wäre, wenn Schneewittchen nicht länger schön wäre...". Der Eklat war riesig und hält sich seit zwei Wochen in den Medien. 
  • Manche Geschäfte haben inzwischen die regulären Größen erweitert. Esprit beispielsweise. Dort gibt es Klamotten bis Größe 44/XL zu kaufen. 
  • Plus-Size-Models sind im kommen. Auf Laufstegen und in Kampagnen treten immer mehr Frauen auf, die jenseits Size Zero sind. 
  • Spezielle Modelinien haben sich darauf spezialisiert, Kleidung für alle Typen von Frauen herzustellen. Von Größe 34 bis 50 gibt es dieselben Klamotten. Das Ziel: Niemanden mehr auszuschließend und für jeden etwas anzubieten. 
Genau die positiven Beispiele sind in erster Linie natürlich ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings verhalten sich die Medien, als wäre alles revolutioniert. Dabei stecken hinter diesen "Vorreitern" auch ihre Tücken
  • Selbst wenn Geschäfte Größe 44 und mehr anbieten, heißt das nicht zwingend etwas. Ich war vor einem Jahr bei einem dieser Läden und wollte mir für das Bewerbungsgespräch einen schönen neuen Blazer kaufen. Bis dato hatte ich Größe 38, aber weil ich ja zugenommen habe, wusste ich, dass ich es besser mit Größe 40/42 probieren sollte. Das Ergebnis: Selbst Größe 44 hat mir in diesem Geschäft nicht gepasst, obwohl ich Zuhause nach wie vor in Größe-40-Kleidung passe. 
  • Plussize-Models gelten zwar als revolutionär, aber in Interviews kam schon oft genug raus: Plus-Size bedeutet größtenteils Größe 38/40, maximal. Das bedeutet, diese "Übergrößen-Frauen" haben eigentlich eine ganz normale Figur, sind nicht übergewichtig. Sie werden nur von den Medien so dargestellt, was eine riesen Sauerei ist, wenn man es genau nimmt. Denn das zeigt wieder: Normalgewichtige Frauen gelten in unserer Gesellschaft als dick. Eine normale Figur ist also nicht erstrebenswert.
  • Generell: Plus-Size. Alleine die Bezeichnung. Das heißt doch nichts anderes als dass Frauen, die in dieses Schema fallen, keine normalen Größen haben. Dabei sind diese Frauen doch genauso normal wie gertenschlanke, oder?
  • Und: Übergrößen sind nicht im üblichen Sortiment. Sie sind in einer eigenen Abteilung, ähnlich wie Schwangerschaftsmoden. Also: Von der Norm ausquartiert. Und die Auswahl in dieser Abteilung ist lächerlich. Es gibt zehn Oberteile, fünf Hosen und drei Kleider, während Frauen mit üblichen Größen sich vor lauter Kleidervielfalt kaum retten können. 
  • Kleidermarken, die gelobt werden, weil sie ihren gesamten Fundus in nahezu allen Größen produzieren, sind unerschwinglich. Letztens habe ich etwas über eine Bademarke gelesen, die genau diese Linie fährt. Aber das günstigste Teil dieser Marke kostet 100 Euro. Wer kann sich das ganz regulär leisten? 
Ihr seht also: Die positiven Beispiele hinken teilweise enorm. Ja, ein erster Schritt ist gemacht, aber das reicht noch lange nicht. Was aber noch viel mehr stinkt: Durch die Lobpreisung dieser kleinen guten Entwicklung gehen die ganzen Missstände verloren. Und davon gibt es noch genug. So hat sich unter anderem letztens eine Frau auf Facebook beschwert, die nicht gerade schlank sind und sich öffentlich  über das Größenproblem mokieren. Zum Beispiel hat eine Frau mit normaler Figur letztens ein Foto aus einer Umkleidekabine gepostet und darunter geschrieben: Sie hat normalerweise Größe 40, passt dort aber kaum in Größe 44 hinein. Solche Frauen fordern Modeketten dazu auf, ihre Größenpolitik zu ändern.

Was unsere Gesellschaft braucht, ist nicht die Gegenbewegung! Heißt: Nur noch korpulente Frauen in Magazinen abzubilden und Dünne zu kritisieren, bringt keine Lösung. Erst Recht nicht, wenn körperliche Mäkel weiterhin retuschiert werden, denn das bestärkt ja noch das Bild, dass Frauen perfekt sein müssen - nur eben andersrum als bisher. Im Gegenteil: Wir brauchen Authentizität. Zwei Beispiele gefällig? Es gibt eine Modekampagne, bei der nicht mit Photoshop nachgeholfen wurde. Ja, da sieht man Dellen an den Oberschenkeln. Ja, auch die kleinen Speckröllchen der Frau sind sichtbar. Aber: Gut so! Wichtig ist schließlich nicht, ein Optimum festzulegen, sondern allen - und wirklich ausnahmslos allen - Frauen zu vermitteln, dass sie gut sind, wie sie sind. Was mir aber noch besser gefällt - und schon länger existiert - ist die Dove-Kampagne. Knapp zehn Frauen in allen erdenklichen Hautfarben, Figurtypen und natürlich Problemzonen stehen in Unterwäsche da. Genau an diesem Punkt möchte ich auch unsere Gesellschaft sehen: Frauen sollen sich einfach wohlfühlen, wie sie wollen. 

Freitag, 26. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche ans... Berufsanfänger sein!

...oder: Was ich in den ersten fünf Monaten gelernt habe

Jedem von uns steht oder stand es einmal bevor: Der Start in den Job. Das Dumme daran: Niemand weiß so richtig, worauf er achten muss und glaubt, schon klar zu kommen. Dass es nicht so leicht ist, habe ich vor fünf Monaten gemerkt. Damals fing ich meinen Job im Allgäu an. Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe und euch mit an die Hand geben kann, lest ihr hier:

Rainer Sturm  / pixelio.de

1. Bereitet euch vor!
Das mag jetzt erst einmal komisch klingen, denn: Wie soll man sich auf die neue Stelle, die erste Stelle vorbereiten? Aber es geht - und es ist wichtig. Ich hatte damals so viel mit Umzugsstress, Weihnachten und Silvester um die Ohren, dass ich wirklich ins kalte Wasser fiel und gar nicht mit den vielen Eindrücken umzugehen wusste. Besser ist: Sich mal mit den eigenen Erwartungen, Hoffnungen, Ängsten auseinander zu setzen. Was will ich von dem Job? Was sollte nicht passieren? Wie möchte ich auftreten? Dann wisst ihr schon mal, wie ihr selbst damit umgehen möchtet. Es hilft zum Beispiel auch, eine Woche vorher mal hinzufahren und sich den Kollegen vorzustellen, falls ihr das noch nicht beim Vorstellungsgespräch gemacht habt. Denn so bekommt ihr schon mal einen Eindruck, was euch erwartet und die Kollegen kennen euch auch schon. Fragt dabei übrigens unbedingt nach einem Dresscode - sonst wird's peinlich. Und zu wissen, wo ihr parken könnt, hilft auch und nimmt euch den Stress am ersten Tag.

2. Seid ihr selbst - in einer Lightversion!
Das mag jetzt hart klingen, aber eure Kollegen kennen euch nicht - und umgekehrt. Nett sein ist schon mal hilfreich, aber Zurückhaltung schadet auch nicht. Beschnuppert euch erstmal, bevor ihr wirklich Kontakte knüpft. Man muss ja erst einmal feststellen, ob Sympathie vorhanden ist. Ich bin damals völlig unbedacht in die Vollen gegangen, war offen und ehrlich - und damit ein bisschen auf die Schnute gefallen. Deshalb testet an den neuen Menschen um euch herum zuerst die Betaversion, um zu testen: Was kommt gut an, was lass ich lieber. Heißt nicht (!), dass ihr euch verstellen sollt. Aber eben zurückhalten, bis ihr merkt, dass ihr im Team ankommt. Dann könnt ihr langsam immer noch die Alphaversion rauslassen.

3. Habt Geduld!
Das Problem mit jeder neuen Stelle, nicht nur der ersten, ist, dass ihr die Neuen seid. Eure Kollegen kennen euch nicht und umgekehrt. Nur weil sie eben schon eingespielt sind, habt ihr das Nachsehen. Auch wenn ihr wisst, dass ihr gut seid in eurem Job und was ihr nicht alles vorab schon gemacht und gelernt habt - euer Team weiß das nicht. Für die seid ihr ein unbeschriebenes Blatt. Und das kränkt das Ego, schließlich bekommen wir dadurch anfangs nur kleine Aufgaben und müssen uns erst beweisen. Was nicht Wochen, sondern Monate dauert! Macht euch in dieser Situation keinen Druck, sondern habt Geduld. Früher oder später seid ihr ein Teil des Teams und eure Arbeit wird Wertschätzung bekommen. Aber das dauert eben.

4. Vernetzt euch!
Nichts ist wichtiger, als Kontakte zu knüpfen. Auch wenn es euch anfangs so vorkommt, dass ihr eine feste Clique vor euch habt, in die ihr nie reinkommt (ähnlich wie in der Schule), hat jeder seine Macken und seine Art zu arbeiten. Manche sind Teamplayer, andere Einzelgänger. Der eine kommt mit dem anderen nicht klar, es gibt im einen Büro wirklich eine Clique, im anderen nicht. Das ist völlig unterschiedlich! Deshalb sprecht mit den Leuten - auch abteilungsübergreifend. So kommt ihr schnell unter Menschen und findet euren Platz. Ich gehe zum Beispiel gerne mit den Sekretärinnen unserer Redaktion oder einer Mediengestalterin in die Mittagspause. So redet man nicht nur über die Arbeit (jeder hat schließlich andere) und der Kopf wird frei.

5. Fragen, nicht verzagen!
Ihr seid Berufsanfänger, also wisst ihr vieles nicht - auch wenn ihr das glaubt (siehe Punkt 3). Deshalb ist es eigentlich völlig korrekt, dass ihr viele Fragen stellt. Lieber einmal zu viel als einen miesen Patzer begehen. Klar, den Nachbarort, den Geschäftsführer oder ähnlichen Kleinkram kann man googeln, aber wichtige Dinge, die euren Arbeitsalltag ausmachen, müsst ihr erfragen. Das steht euch zu und gute Arbeitnehmer freuen sich darüber, wenn ihr euch einbringt, wissbegierig seid und Fragen stellt. Deshalb: Traut euch!

6. Richtet euch ein!
Niemand, wirklich niemand wird dafür sorgen, dass ihr euch wohlfühlt - das könnt nur ihr selbst. Nutzt also die Chance und richtet euren Schreibtisch so ein, wie ihr wollt. Er ist schließlich von euch besetzt und das vermutlich lange (außer natürlich ihr seid Springer oder so). Hängt Postkarten auf, Post-Its oder stellt Fotos hin. Bringt Blumen mit, Porzellanschwäne, was auch immer. Tut auf jeden Fall alles, damit euch euer Arbeitsplatz gefällt, denn dort werdet ihr einen Großteil eurer Zeit verbringen.

7. Nutzt die Pause!
Das mag jetzt seltsam klingen, aber Pausen sind verdammt wertvoll. Viele verbringen sie im Büro, auch ich manchmal. Ich esse dann was, lese ein Buch oder daddel am Handy rum. Aber wirklich erholsam und somit aktivierend ist das nicht. Besser: Geht raus! Spaziert um den Block, holt euch was für unterwegs, quatscht mit Arbeitskollegen. Alles besser als wieder vorm Bildschirm zu sitzen. Denn eine Mittagspause (genau wie ein Wochenende) ist wahnsinnig wertvoll - beides ist kurz. Nutzt es sinnvoll, damit ihr einen freien Kopf bekommt und dadurch gute Arbeit leistet.

8. Feierabend? Abschalten!
Wer arbeitet, verbringt acht Stunden, mit Mittagspause sogar neun Stunden hinterm Schreibtisch. Die wenigen Stunden, die für die Freizeit bleiben - die sich unter der Woche wirklich auf ein Minimum reduziert, gerade für Pendler - solltet ihr ganz für euch nutzen. Das heißt: Füße hoch erlaubt! Aber Vorsicht, denn...

9. Stay social!
...wer wirklich jeden Tag Netflix & Chill betreibt, vernachlässigt irgendwann sein Sozialnetz. Das merke ich auch schon: Manchmal finde ich es einfach anstrengend, mit meinen Freunden zu telefonieren, obwohl es wieder an der Zeit dafür ist. Aber einige Arbeitstage haben es nun mal in sich. Geht trotzdem mindestens einmal in der Woche raus, macht Sport, ruft eben eure Freunde an, trefft euch mit ihnen. Bleibt einfach in Kontakt und erlebt noch etwas! Klingt anstrengend, ist aber hilfreich und gesund.

10. Party Hard? Wohl kaum...
Früher im Studium war feiern gehen nichts außergewöhnliches. Sogar in der Woche hatte ich dafür Energie, denn mein Lebensrhythmus war ein anderer. Ich habe zwar auch gearbeitet und war mit Vorlesungen und Prüfungen betraut, aber das Unregelmäßige daran gibt Energie. Wer jeden Tag acht Stunden vorm PC sitzt oder sich über diese Zeit konzentrieren muss, verliert wahnsinnig viel Energie. Die Pläne, am Wochenende richtig steil zu gehen, klingen auf einmal anstrengend. Vor allem werden die Launen so unberechenbar: Während ich mich Mittwoch noch total aufs Feiern freue, will ich wenige Stunden vorher nur noch meine Ruhe haben. Oder umgekehrt: Ich trinke Freitag ein Glas Wein, quatsche mit Freunden und könnte sofort weiter ziehen. Plant diese Launigkeit für die nächste Party mit ein und verzeiht euch - und euren Freunden - wenn spontan doch die Energie fehlt.

11. Gewöhnt euch einen Biorhythmus an!
So, der letzte Punkt wird spießig klingen, ist aber enorm wichtig: Gewöhnt euch einen Biorhythmus an. Das bedeutet: Immer zur selben Zeit ins Bett, immer zur selben Zeit raus. Ja, richtig, auch am Wochenende. Denn das schenkt euch richtig viel Energie. Geht ihr am Wochenende erst nachts um vier ins Bett (Respekt, wer das als Arbeitnehmer durchhält) und steht am nächsten Tag um zwölf Uhr mittags auf, habt ihr Montag ein Problem. Denn Sonntagabend werdet ihr nicht schlafen können und in der neuen Woche nicht aus dem Bett kommen. Dann lieber am Wochenende auch früher raus (es muss ja nicht sieben Uhr sein wie sonst - acht oder neun Uhr ist schon besser als zwölf, versprochen!).

Dienstag, 23. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das ESC-Debakel!

...oder: Das Experiment.

Am Wochenende hat uns meine Mutter besucht und weil wir früher oft zusammen den Eurovision Song Contest geschaut haben, stand Samstagabend genau das auf dem Programm. Damit das ganze nicht allzu langweilig wird, haben wir jedem Auftritt Punkte gegeben - und daraus hat sich ein ganz nettes Experiment entwickelt. Lest nach:

Der Aufbau:
Man nehme 26 Probanden verschiedener Länder, drei Prüfer unterschiedlicher Altersstufen (23, 32, 56) und fünf Stunden Zeit. Die Prüfer bekommen einen Stift und einen Zettel.

Der Ablauf: Die Prüfer sollen jeden Probanden mit einer Punktzahl von 1 (schlecht) bis 10 (gut) bewerten. Ziel ist, einen Gemeinschaftsfavoriten herauszufinden sowie einen Favoriten für jeden einzelnen Prüfer. Anschließend werden die Favoriten ausgewertet und mit den Gesamtergebnissen des ESC ausgewertet.

Das Ergebnis: 
Die Teilnehmer: Insgesamt überaus langweilig. Kaum einer ist aus der Masse hervorgestochen. Es gab einheitliche Powerballaden, Popsongs und Bühnenshow. Aufgefallen sind uns lediglich sechs der 26 Kandidaten: Einmal waren da die Niederlande mit ihrem dreistimmigen Familiensong, Moldawien mit ihrem Sax-Lied, Italien mit dem Affentanz, Portugal mit ihrer Jazzballade, Rumänien mit ihrer Jodelei und die Ukraine mit ihrer (an diesem Abend ungewöhnlichen) Rocknummer. Der Rest? Irrelevant. Was aber immer wieder auffiel: Viele Songs ähnelten anderen bekannten Liedern. Eins (Künstler schon vergessen) klang stark nach "Humans" von Rag'n'Bones, das Gewinnerlied erinnerte an "Moon River" von Andy Williams aus den 1970er Jahren.

Unsere Favoriten: Die meisten Punkte (20) holte sich von uns Moldawien, weil ihr Song einfach ins Ohr ging und wirklich charttauglich war. Zu den Einzelfavoriten: Meiner Mutter gefielen mit acht Punkten die Niederlande am besten, weil der Song schön emotional war. Meinem Freund gefiel mit sieben Punkten Italien und die Ukraine, jeweils aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit und mir gefiel mit neun Punkten Moldawien am besten.

Der Gewinner: Für uns eine absolute Überraschung, weil er so gar nicht ins Schema passte. Er wirkte bekifft, fühlte sich offensichtlich unwohl auf dem Contest. Das Lied war sehr leise, fast unscheinbar und erinnerte an "Moon River", wie gesagt. Was natürlich ein Grund für den Sieg sein könnte - unterbewusste Beeinflussung... Wer weiß?

Levina: Völlig unscheinbar. Sowohl der Auftritt, das Kleid, der Song. Ein bisschen wie Helene Fischer auf Englisch. Auf jeden Fall nichts, was im Ohr bleibt (oder im Ohr bleiben soll).

Die Analyse: 
Der Gewinner: Wer weiß schon, warum das Publikum und die Jury Salvador Sobral gewählt hat. Vielleicht aus Protest: "Hey, ihr da, macht mal anständige Musik und nicht immer nur dasselbe, sonst wählen wir jedes Jahr so einen Jazz-Typ!" Vielleicht war es tatsächlich das Besondere, das die Zuschauer wollten. Und besonders war Sobral mit seinem Lied auf jeden Fall! Vielleicht wollten sie den authentischsten Teilnehmer zum Sieger küren und auch das war Sobral definitiv. Möglicherweise, und an die Theorie glaube ich ja ganz sicher, wählt das Publikum auch einfach immer den absurdesten Kandidaten. Der, den niemand wirklich erwartet. Wer weiß das schon. Richtig verstehen kann ich es auf jeden Fall nicht. Das mag aber auch damit zusammen hängen, dass beim ESC mit anderen Maßstäben gemessen wird. Mir kommt es immer so vor, als sei dieser Contest ein Paralleluniversum zu den weltweiten Charts. Als würden die Songs gerade mal so hingeklatscht, dass sie zum ESC passen, aber in den jeweiligen Ländercharts keine Chance haben. Beispiel gefällig? Das belgische Lied (Blanche: City Lights) war okay, aber nicht herausragend. Da fehlte etwas. Und so ging es mir bei vielen Songs. Gerade weil eben zahlreiche Lieder klingen, als hätte es sie schon einmal gegeben, fehlt mir da die Qualität. Mein Eindruck kann aber daher kommen, dass Levina vorher völlig unbekannt war. Wer weiß, wie das bei den anderen Künstlern in deren jeweiligen Ländern ist?

Levina: Wenn meine Theorie an dieser Auswahl stimmt, gehören die Verantwortlichen definitiv ersetzt, nur so viel vorweg. Ich glaube nämlich, das deutsche ESC-Team geht nach dem Motto: "Never change a working system". Heißt: Lena ist als Frau alleine auf der Bühne aufgetreten und hat gewonnen. Wieso sollte es diesmal anders sein? Klingt absurd, aber ich habe Argumente. Wen schickte Deutschland denn im Jahr eins nach Lena zum ESC? Richtig: Lena. Gab Platz elf, nicht erfolgreich genug. Also musste wieder (!) eine Castingshow her, bei der wir einen unbekannten Sänger suchen, der uns weltweit (!) vertritt. Roman Lob. Platz acht. Wieder nicht erfolgreich genug. Also: Nahmen wir wieder eine Frau, nur diesmal machte sie elektronische Musik. Cascada machte einen krassen Fall nach unten im Vergleich zu den vorherigen Teilnehmern - Platz 21. Also Abwechslung: Elaiza, eine Frauengruppe mit Folkmukke. Meiner Meinung nach die beste Idee, die sie je hatten, denn dieses Spezielle sucht der ESC ja. Das Ergebnis: Immerhin Platz 18. Weil das aber wieder nur semierfolgreich war, musste wieder das Ursprungskonzept her: Frau, alleine. Also 2015 Ann-Sophie. Zum ersten Mal null Punkte. Die Schlussfolgerung? Nochmal eine Frau, diesmal flippiger, Song aber ähnlich lahm. Jamie-Lee, das Mangamädchen. Wieder letzter Platz. Also? Nochmal eine Frau. Diesmal wieder lenaiger. Natürlich, lieb, nett, begabt. Aber: Platz 25, umgekehrt Platz zwei von hinten. Wie lange braucht das deutsche Team noch, um zu verstehen, dass unser System keine workendes ist?

Fazit:
Der ESC ist veraltet. Zwar wird die Musik immerhin moderner, aber das System hinkt hinten wie vorne. Die Quote sinkt von Jahr zu Jahr (auch wenn sie weltweit noch enorm hoch ist). Das könnte daran liegen, dass Deutschland jährlich einfach so teilnimmt. Ohne Vorentscheid. Wieso alsdo nicht die Regel wieder ändern?  Wieso zahlt nicht jedes Land einfach einen kleinen Bruchteil (ja, das wäre möglich) und jedes Land kann rausfliegen? Das erhöht den Druck und macht das ganze ernst zu nehmender. Und würde somit auch wieder für mehr Interesse sorgen. Woran es bei der Glaubwürdigkeit aber auch hapert: Es heißt Eurovision, also europäisch. Was hat Australien dort verloren? Bzw. wenn schon Australien teilnehmen darf, wieso nicht auch andere Länder weltweit und wir nennen es zukünftig World Vision Songcontest?
Konkret zu Deutschland: Wenn wir schon teilnehmen, dann bitte richtig. Das System sollten doch jetzt alle verstanden haben: Authentizität kommt gut an und  etwas Außergewöhnliches kommt gut an. Warum nicht mal wieder jemanden schicken wie Guildo Horn. La Brass Banda wäre cool, die bieten beides. Oder wirklich mal Helene Fischer. Wenn's gut läuft, begeistert sie ganz Europa, wenn es schlecht läuft, sind wir sie als erfolgreiche Musikerin los (fänd ich ja auch nicht schlecht). Möglichkeiten gäbe es genug. Aber bitte in Zukunft jemand, hinter dem das Land steht - nicht irgendjemand namens Ann-Sophie oder Levina.

Zum Abschluss noch einmal unser Favorit, Platz 3: Das Sunstroke Projekt mit "Hey Mamma". Damit ihr seht: Es gibt Hoffnung...

https://www.youtube.com/watch?v=mvaLAs9cex4

Donnerstag, 4. Mai 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... die sprechende Mimik!

...oder warum es echt übel sein kann, wenn einem Gedanken im Gesicht stehen!

Liebe Leser und Leserinnen, ich hab es in den letzten Wochen zeitlich einfach nicht geschafft, hier aktiv zu sein - sorry dafür. Seit ich redaktionell arbeite und täglich schreibe, möchte ich abends oft was anderes machen. Aber ich gelobe Besserung - die Themenpalette liegt schon bereit! 

Bürgerversammlung, 22 Uhr, ich als Presse dort: Die Leute kommen gerade zu Wort und weil ich das Prozedere schon kenne, weiß ich, es ist gleich vorbei, wenn keiner mehr eine Frage hat. In meinem Hinterkopf: Die Heimreise, denn die kostet mich immer rund 45 Minuten. Ich bin also länger unterwegs, so spät. Macht mir erstmal nichts aus, aber wenn die Müdigkeit irgendwann kommt, ist jede Minute im Auto richtig übel. Der letzte Bürger meldet sich also, die Frage wird schnell geklärt, da geht der Bürgermeister wieder zu seinem Laptop und beginnt die nächste Powerpoint-Präsi. Es ist also nicht vorbei. Teil 3 beginnt. Und ich denke ehrlicherweise: Oh. Mein. Gott. Bitte. Nicht. Und lächle freundlich in die Runde. Das soll ja keiner merken. Da stößt mich eine Frau von links an, grinst verschwörerisch und sagt: "Ich weiß, ich weiß, das macht er jedes Mal so." Augenblicklich laufe ich puterrot an. Sie hat es gesehen, in meinem Gesicht. Und damit ist klar: Jeder andere hätte es auch sehen können. Shit. Richtig peinlich.

Wo andere Frauen ein Resting Bitch Face haben, also ein Gesicht, das immer griesgrämig aussieht, habe ich ein Talking Face. Man sieht mir meine Gedanken an. Dummerweise ist mir das erst vor kurzem bewusst geworden. Und das führt zu dem ein oder anderen Problem. Denn wenn ich etwas nicht möchte, unzufrieden oder schlecht gelaunt bin, sieht man das. Wie ein kleines Warnschild auf der Stirn: "Attention, ihre Laune ist xy." Das kann katastrophal sein, denn gerade bei wichtigen Terminen ist das ungünstig - siehe oben.


Thommy Weiss  / pixelio.de
Das funktioniert aber auch mit guter Laune. Und beides kann auch ein Vorteil sein. Ich bin dadurch nämlich gut einschätzbar. Bin ich grummelig, merkt mein Umfeld das und kann mir aus dem Weg gehen. Auch wenn ich Menschen kennen lerne oder Leute nicht besonders mag, ist das erkennbar. Was natürlich auch zu ungünstigen Situationen führt. Stellt euch zum Beispiel vor, ihr trefft in der Stadt jemanden, den ihr nur ungerne ertragt, wenn ihr müsst, und dann hält er euch an und macht Smalltalk. Während die meisten anderen das problemlos mindestens fünf Minuten können, sagt meine Mimik schnell: Lass mich gehen! Bitte! Sympathien - oder eben das Gegenteil - muss ich also nicht erst aussprechen, das klärt sich schnell von selbst. Dank meinem Talking Face. Manchmal unangenehm, aber deutlich.

Das Blöde ist, dass ich daran auch nur schlecht arbeiten kann. Ein Pokerface ist einfach sau schwer. Aber hey, sowas macht ja den Charakter aus, hab ich gehört. Und es ist nicht nur negativ. Außerdem bin ich bestimmt nicht die einzige mit ihrem TF.
;-)

Sonntag, 26. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... das Heimatgast sein!

Vergangenes Wochenende habe ich es mal wieder geschafft, nach Mainz zu fahren. Mit Freunden quatschen, weggehen, wieder ein Teil von dem sein, was mir so vertraut war. Und anfangs funktionierte das auch gut. Ich freute mich im Zug riesig darauf, in Mainz anzukommen, wusste auch noch genau, welche Straßenbahn und welchen Bus ich nehmen muss, um dorthin zu kommen, wo ich hin will. Selbst im Rewe am Bahnhof, dem ekligsten Geschäft in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, wurde ich richtig sentimental, weil ich dort aus pragmatischen Gründen einkaufen war. 

Doch auf dem Weg zu einer Freundin in der Straßenbahn mischte sich plötzlich ein anderes Gefühl mit rein: Ich fühlte mich auf einmal etwas fremd. Spätestens als ich an unserer alten Wohnung vorbei fuhr, spürte ich das ganz stark. Mainz war nicht mehr mein Zuhause. Und das traf mich, schließlich habe ich fast drei Jahre dort gewohnt. 

Dabei lag es gar nicht daran, dass sich etwas verändert hätte. Mainz war und ist genauso wie vorher (außer der Großbaustelle in der Bahnhofstraße, aber sowas ist dort nichts Neues). Ich kenne mich noch aus, viele meiner Freunde leben noch dort und ich bekomme auch noch viel mit. Aber es ist eben etwas anderes, ob ich an der Entwicklung in Mainz teilhabe oder ob ich alles aus der Ferne beobachte. Denn letzten Endes war ich am Wochenende dort Gast. Nicht mehr und nicht weniger. Auch wenn mir dort noch vieles vertraut ist. 

Die schöne Mainzer Innenstadt, Neubrunnenstraße.
Foto: Mareike Keiper
Das komische daran ist ja nicht nur, dass mir mein letzter Wohnort immer fremder wird, mein neuer ist mir auch noch nicht vertraut. Wahrscheinlich stört mich das am meisten. Dass ich hier wieder die Gegend erkunden muss, mich an jeder Ecke von Neuem wundere und erst wieder vieles entdecke, ich aber noch nicht angekommen bin. Dieser Zwischenzustand, an keinem Ort richtig Zuhause zu sein, ist ungemütlich. 

Komischerweise habe ich dieses Gefühl bei meiner Heimatstadt nicht. Egal, wie lange ich dort nicht bin, ist es mir jedes mal wieder unheimlich vertraut. Klar, in einer Kleinstadt ändert sich ohnehin weniger. Aber grundsätzlich ist dort immer mein Hafen, mein Zuhause, meine Familie. Auch wenn sich dort etwas verändert, beobachte ich das viel mehr mit Neugierde als mit Schrecken. 

Ich bin mal gespannt, wie das weiter geht. Spätestens, wenn mein Studententicket verfällt und ich mir in Mainz Bus- und Bahntickets kaufen muss, wird mir die Stadt noch fremder sein. Und irgendwann sind vermutlich nur noch kleine, süße Erinnerungen übrig, wenn ich mal wieder Freunde besuche. Aber bis dahin ist, Gott sei Dank, noch Zeit. 

Sonntag, 12. März 2017

Meine 5 Minuten gehen diese Woche an... alternde Bands!

oder: Warum Linkin Park mir gerade das Herz bricht!

Musik begleitet uns unser Leben lang. Vor allem die Musiker, die sie machen. Manche Bands kennen wir sogar, seit wir klein sind. Und das ist einerseits schön, andererseits aber gefährlich. Denn nicht nur wir werden älter, auch die Musiker. Sie entwickeln sich weiter, genauso wie ihre Musik. Was dabei raus kommt, kann mutig sein, peinlich oder einfach nur grausig.

Denken wir zum Beispiel an die Rolling Stones. Die haben sich in den letzten fünfzig Jahren nicht wirklich verändert. Was bei über 70-Jährigen langsam Mitleid hervorruft. Niemand will sehen, wie ein Opi noch mal Vater wird, weil er dermaßen die Sau raus lässt. Musikalisch ist das vielleicht ganz nett, aber irgendwann fährt für jeden mal der Zug ab.

Eine der Bands, die das älter werden gut hinbekommen hat, sind die Red Hot Chili Peppers. Ihr Stil hat sich ständig gewandelt, aber verloren haben sich die Kalifornier nie. Auch wenn sie sich neu erfunden haben oder experimentiert. Ich kann sie noch guten Gewissens hören und erkenne sie nicht nur bei alten Songs, was an der ganzen Band liegt, nicht ausschließlich an Sänger Anthony Kiedis.

Doch es kann auch in eine ganz andere Richtung gehen. Statt peinlich oder stilsicher wird es jetzt grausig und - zumindest für mich - traurig. Denn eine Band hat sich dermaßen verändert, dass es mir das Herz bricht: Linkin Park. Damit ihr mich versteht, erkläre ich euch hier ein bisschen den Hintergrund.

1996 gegründet, brachten die sechs Amerikaner 2000 ihr erstes Album, "Hybrid Theory" auf den Markt. Der Stil: Harter Rock gemischt mit aggressivem Rap, Stilrichtung Nu Metal, die die Band mitunter ins Leben rief. Die Themen: Depressionen, schlechte Menschheit, alles scheiße. Oder: Wut. So könnte man es am besten zusammenfassen. Ein Beispiel: "In the End".

https://www.youtube.com/watch?v=eVTXPUF4Oz4

Zwei Jahre später veröffentlichten sie "Meteora". Der Stil ist ähnlich, teils schneller, teils professioneller aufgenommen. Aber insgesamt genauso gut. Aus dem Album stammen Lieder wie "Numb" oder "Faint", die auf jeden Rockparty laufen:

https://www.youtube.com/watch?v=kXYiU_JCYtU

Auch optisch erkennt man, was die Band damals aussagen wollte. Alle sehen locker aus, leger, bodenständig. In ihren Videos treten sie wütend auf, bunt gefärbte Haare, Bart, grimmige Grimassen. Sie lassen in den Songs alles raus - Beziehungen werden verarbeitet, Idioten bekommen ihre Abrechnung, es wird an der Identität gefeilt. Kurzum: Hört man eines der beiden ersten Alben, verarbeitet man automatisch mit. Man lässt alles raus, bis sich der Nebel verzieht und die Sonne wieder scheint.

Ich war in meiner Teeniezeit ein absoluter Fan der Band. Ist etwas Blödes vorgefallen, brachte mich die Musik erst rauf und dann runter. Ich kann, zugegeben etwas peinlich, bis heute alle Texte des ersten und zweiten Albums mitsingen - und rappen. Jeden Song.

Das Zwischenprojekt mit Jay-Z war komisch, aber verzeihbar. Immerhin waren das Songs der Band, die nur mit Hip-Hop aufgemischt wurden. Etwas ähnliches hatten sie selbst schon mit dem Remix-Album "Reanimiation" Jahre zuvor getan. Und Hip-Hop gehört eben zur Band dazu, schließlich rappen sie auch.

Aber weiter in der Geschichte. 2006 erschien ihr drittes Album, "Minutes to Midnight". Kurze Anekdote: Mein Vater fuhr mich in den CD-Laden, damit ich es direkt am Erscheinungstag kaufen konnte. Mit popeligen 14 Jahren. Ich hatte meinen tragbaren CD-Player dabei, um die neuen Songs direkt zu hören. Als ich das Album anmachte und zuhörte, bekam mein Herz einen ersten Knacks. Denn das war nicht mehr mein Linkin Park. Auch wenn manche Songs noch ganz gut waren.
Linkin Park wollte sich nämlich neu erfinden. Statt aggressiven Songs mit Rap-Parts, sang nun auch der Rapper. Der Stil wurde poppiger, die Wut war weg. Zumindest war sie sehr viel weniger geworden. Um euch ein Bild davon zu verleihen, hier der bekannteste Song "What I've Done":

https://www.youtube.com/watch?v=8sgycukafqQ

Von da an nahm mein Interesse an der Band ab. Aber bei jedem neuen Album brach mein Herz ein Stück weiter. Denn was die Band ausgemacht hatte, womit sie erfolgreich geworden war, fiel stetig weg: Wut, Melancholie, Verbitterung. Dinge, die wirklich nicht gut für die Menschen sind, die aber sehr gut tun, wenn man selbst in einer misslichen Situation steckt oder sich mies fühlt. Stattdessen wurde die Gruppe sehr viel erfolgreicher mit Poprock. Mit Musik also, die so viele andere Bands so viel besser können. Beispiel: "Burn it Down".

https://www.youtube.com/watch?v=dxytyRy-O1k

Heute tragen die Männer enge Skinny-Jeans, Lederjacken, sind durchgestylt von oben bis unten. Tokio Hotel aus Amerika in einer älteren Version, so in etwa. Und obwohl die Masse inzwischen die Band kennt, lässt sich zum Beispiel aus Spotify lesen, dass die alten Songs, "Numb" oder "In the End" noch immer am erfolgreichsten sind. Die hören die Leute heute noch. Die Popsongs werden schneller vergessen sein.

Aus dem bisher neuesten Album, "The Hunting Party", kenne ich kein einziges Lied mehr. Obwohl ich viel Radio höre. Dabei rockte die Band wieder mehr. Wozu entschieden sie sich? Noch poppiger werden! Und genau das ist auch der Anlass für diesen Eintrag. Gestern im Radio habe ich ein Lied gehört, das ganz nett klang. Trauriger Pop mit feiner Frauenstimme. Ich schaute nach, von wem der Song war und fiel vom Stuhl: Linkin Park. Die ein Lied machen, das absolut nichts mehr mit Nu Metal zu tun hat. Und deren Feature-Sängerin noch ein Jahr jünger ist als ich, dabei sind die Herren inzwischen Mitte 40! Hier ist das gute Stück "Heavy":

https://www.youtube.com/watch?v=5dmQ3QWpy1Q

Ich weiß, das klingt verbittert und böse - wie die alten Songs der Band. Aber dass sich meine frühere Lieblingsband so verkauft, um Erfolg zu haben, schmerzt. Noch mehr schmerzt, dass der Ursprung, der Kern der Musik völlig verschwunden ist. Was natürlich auch am Alter liegt, um wieder zum eigentlichen Thema zurück zu kommen. Schließlich hatten alle mit einer harten Jugend zu kämpfen, wie jeder von uns. Dass die Wut verschwindet, wenn man eine Familie gründet und dass man ruhiger wird, wenn man altert, verstehe ich auch. Aber sich so von sich selbst weg zu entwickeln? Nee, da hört's auf. 

Ich jedenfalls hab mit Linkin Park abgeschlossen. Und höre lieber die Rolling Stones. Oder die alten Songs.